Verantwortung

Nie wusste mein Vater wo er bestimmte Sachen getan hat. Wahrscheinlich hat er die Sachen einfach irgendwo gestellt, ohne irgendein System, einfach wegmachen um eine oberflächliche Ordnung zu halten. Hinter der Ordentlichkeitsfassade versteckte sich Chaos seinen Kopfes.

Wenn er dann ein Gegenstand, Papier oder irgendetwas was er weggeräumt hat, plötzlich brauchte und suchte, konnte er es natürlich nicht gleich finden. Es dauerte manchmal Tage bis er ein Ding gefunden hat. Er schimpfte, manchmal nannte er mich „Müll“ und fragte mich wo ich die Sachen weggeräumt hatte.

Das ganze was er gesucht hat, war in weitesten Sinne Müll, sein eigener Müll. Er hat mich aber für den Müll verantwortlich gemacht, also ich bekam den schönen Titel. Gegenstände ist es schwer zu beleidigen.

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Er und viele andere Menschen suchen lebendige Personen um ihren Schmerz zu entladen. Ob Katzen, Hunde oder Menschen. Sie übertragen ihren Schmerz an andere, weil sie unbewusst wollen oder glauben, dass die anderen stärker sind und mit ihrem Problem besser umgehen können, sie suchen Hilfe. Sie „beauftragen“ unbewusst die anderen, ihre Last zu bewältigen und schieben die Verantwortung an sie.

Drei nackte Männer

Eigentlich hatte ich nie Interesse an Deutschland; vielleicht ein Bisschen an Berlin, aber nur wegen Bowie und „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ den wir in der 7. Klasse gucken mussten (warum frage ich mich. Die Wahrscheinlichkeit in einem exjugoslawischen kleinen Ort am Meer an Drogen zu kommen war wie Friedenausbruch zwischen Israel und Palestina.) Als ich im Film die Straßen von Berlin sah, diese düstere Atmosphäre, graues, abgemagertes Morgenlicht, spürte ich schon eine Anziehungskraft dieser Stadt, aber konnte es mir auch nicht erklären warum mich sowas anzieht. Und Hand aufs Herz: Berlin ist – ein anderes Deutschland – Berlin ist schmutzig, unfreundlich, nicht lustig. Nicht so lustig wie München oder Köln. Nicht eine Gastarbeitermekka wie Frankfurt oder Stuttgart. Also vielleicht deswegen, weil Berlin so anders als Vorstellung von Deutschland ist.

Der Tag an dem ich nach Deutschland-Berlin kam, wird sich mein Bild über Deutschland für immer ändern. Ich saß in einem Café (damals gab es noch nicht so viele im Prenzlauer Berg). Es gab noch keine Hipster. Hinter Theken arbeiteten keine Baristas die keine Ahnung vom Kaffee machen haben, aber den Milchschaum als Herz formen können. Milchkaffee wurde in den „Suppenschalen“ serviert.

Ich saß auf einer unkomfortablen Bank ohne Anlehnemöglichkeit, draußen, mit noch zehn, mir unbekannten Menschen am Tisch zusammen. Obwohl ich Deutsch schon in der Grundschule gelernt habe, habe ich an diesem Sonntag fast nichts verstanden. Es war aber schön an einem Tisch zusammen mit Menschen zu sitzen, mit denen man nicht reden musste. Ich schaute auf die Straße und den Laufweg, wo viele, mir unglaublich interessante Menschen, vorbeiliefen. So frei und sorglos. Es schien mir an diesem Tag der ganze Prenzlauer Berg ist so wie ein toller internationaler Urlaubsort. Und komischerweise nicht nur am Sonntag. Jeder weitere Tag war so! Und dann, sah ich drei nackte Männer auf den Fahrrädern. Menschen in Cafés jubelten. Diese Nacktheit war natürlich nicht der Grund warum ich mich in Prenzlauer Berg verliebt habe. Schließlich hatten wir in Kroatien trotz Katholizismus auch sehr komische Sachen mit dem nackten Körper in der Öffentlichkeit gemacht. Es war der Geschmack einer Freiheit die ich schon kannte oder zu der ich gehört hatte oder gestrebt habe, aber nicht in Deutschland erwartet habe. Nein, nicht in Deutschland.

Ein nacktes Fahrrad

Nette Münder

Jahrelang habe ich die Tatsache unterdrückt, dass ich alleinerziehend bin und anfälliger für Überforderung, Depression und Burnout. Ich habe mit niemanden darüber gesprochen, bzw. fand auch keine andere Mütter oder Elternteile die ganz alleine mit ihren Kindern sind und die gleichen oder ähnlichen Herausforderungen ausgesetzt sind. Jetzt wenn meine Kinder etwas größer sind, vielleicht ist es jetzt die Zeit gekommen, darüber zu sprechen. Früher bin ich überhaupt dazu nicht gekommen, darüber zu sprechen. Ich hatte keine Zeit einen Blog zu schreiben.
Wenn ich doch das „Alleinerziehend“ erwähnt habe, in Gesprächen mit „normalen“ Menschen, dann kriegte ich meistens diesen Feedback:
„Du hast es aber selbst so ausgewählt!“ – (Meine Antwort: Jain.)
„Du hast es so gewollt“ – (Meine Antwort: Hmmm, weiss ich nicht so ganz genau.)
„Selber schuld“ – (Meine Antwort: Danke für deine Beurteilung, aber die Bestrafung dafür dass ich falsche Entscheidungen in meinem Leben getroffen habe weil ich einfach nur ein Mensch bin, brauche ich aus deinem netten Mund nicht!)

Wenn man wirklich so eine Lebenssituation wollen würde, dann würde auch keine Frau und kein Mann es freiwillig auswählen. Das würde auch bedeuten, dass man die Zukunft sehen kann.

Was ich von der Kindererziehung kannte, habe ich aus den Filmen gelernt. Das lachende Baby, Spiel und Spaß – ja. Gespielte Ekel beim Windelwechsel, Stillen mit Glückshormonen, mit dem Kinderwagen stolz und gutaussehend spazieren, warum nicht, das ist doch schön – so malt sich die Mehrheit der Menschheit das Leben mit Kindern, allein- oder nicht alleinerziehend.
Über die andere Seite des alleinerziehenden Lebens mit einem, zwei, manchmal sogar mehr als zwei Kindern, kann sich niemand wirklich vorstellen, solange man nicht in der selben Situation war oder ist.
Oft glauben „die anderen“, also Leute die nicht alleinerziehend sind oder Leute die überhaupt keine Kinder haben, dass alleinerziehende Eltern(teile) Menschen sind, die sich von „normalen Menschen“ nicht unterscheiden.
„Normale Menschen“ haben wahrscheinlich andere Probleme im Leben, aber trotz diesen anderen Problemen sind Unterschiede groß und oft übersehen.

1. Freizeit
Eine alleinerziehende Frau oder ein alleinerziehender Mann (wobei hier oft auch große Unterschiede bestehen) passt sein Leben an das Leben der Kinder. Es gibt keine freie Entscheidung wann und wie man die Freizeit verbringt. Oft ist die Freizeit nur der späte Abend, wo man sowieso nicht mehr in der Lage ist etwas anderes zu tun als vor dem Fernseher oder Internet zu sitzen und dabei einzuschlafen. (Es kommt auch auf das Alter und Schlafgewohnheiten der Kinder – manchmal ist sogar das nicht möglich).
Fazit: Es gibt keine spontane Freizeit oder eine längere Zeit der Langeweile welche dich zur Aktivität bringt. Die Freizeit muss geplant werden und das ist für Menschen mit Spontanität Bedürfnis sehr schwer. Sie haben oft keine Lust auf die „geplante Freizeit“. Eine geplante Freizeit kommt so künstlich vor. Eventuell hat man Miniauszeiten, Minifreiheiten wo es so ist wie es früher war. Ob das reicht?

2. Partnerschaft(en)
Irgendwann wünscht man sich eine neue Beziehung. Ein neuer Versuch. Dabei vergisst man dass Kinder 90% der Gedanken und Handlungen beeinflussen. Und dass eine Partnerschaft eine weitere Herausforderung ist, sobald die Verliebtheitsphase vorbei ist.
Partner, die bereit sind nur wenig Aufmerksamkeit zu bekommen, gibt es die?
Eine Frau die durch Kindererziehung (oft mit Auseinandersetzungen die zur Weißglut bringen und das Nervensystem tagtäglich strapazieren), Arbeit (auch wenn es eine geringfügige Beschäftigung ist! – über Vollzeit möchte ich gar nicht nachdenken), also eine Frau die neben Kinder dazu einen „normalen Alltag“ führen versucht, muss ihre eigene Bedürfnisse unterdrücken bzw. vergessen – was im Endstadium definitiv zum Burnout führt oder zumindest zu einem Nervenzusammenbruch, kleinerem oder größerem. Jedenfalls zu einem Bruch der eigenen Persönlichkeit, des eigenen Lebens.
Diese Frau kann keine „normale“ Beziehung führen, weil die Beziehung zu sich selbst unterbrochen ist, nicht mehr möglich ist, wie im Leben ohne Kinder. Nicht wirklich. Die Märchen „alles unter einen Hut zu bringen“ – Mutter, Frau und Businesswoman – klappt auf Dauer nicht!
Natürlich gibt es auch da Unterschiede. Allgemein kann man nicht reden. Nicht alle Kinder sind anstrengend, nicht alle bekommen Depressionen oder sind gar nicht überfordert, es passt sogar, den zweiten Elternteil nicht einbeziehen zu müssen, wenn man alleiniges Sorgerecht hat.
Wenn Alleinerziehende noch Großeltern, das andere Elternteil oder irgendeine andere Möglichkeit haben, für mindestens ein Wochenende ihre Kinder abzugeben, dann haben sie schon etwas mehr Glück als Alleinerziehende die diese Möglichkeit gar nicht haben.

3. Arbeit
Es gibt hier verschiedene Meinungen und Gefühle. Manche alleinerziehende Frauen arbeiten Vollzeit, da z.B. ein Büro und andere Leute (andere „normale Leute“), eine Art Flucht sind, die letzte Verbindung zum Leben wie vorher. Eine Flucht aus dem Leben in dem man durch Kindererziehung und ständiges Planen und Organisieren endlich man die Energie in etwas Anderes geben kann, auch wenn es (leider) nur eine Arbeit ist, es ist nur eine Abweschslung, eine Verlagerung. Viele Alleinerziehende Menschen werden ihnen sagen dass für sie so eine Arbeit Entspannung ist! Einfach etwas anderes zu sehen, an etwas anderes zu denken als nur Bilderbücher, Zeichentricks, Kinder- Geschrei und Quengelei.
Da man aber in beiden Fällen (das Leben alleine mit Kindern und Arbeit) nie wieder zu sich selbst kommt oder zu selten – ist eine Überforderung mit Burnoutpotential vorprogrammiert.

4. Sex
Eine ausgelaugte Frau kommt sehr selten dazu ihre Bedürfnisse zu erfüllen, im Unterschied zu Frauen die zwar andere Probleme haben, aber mehr Zeit einfach nur für sich. Ohne unterbrochen zu werden. Ach, eine stundenlange Zeit nur für sich und dann noch ganz viele langweilige Stunden alleine – wie herrlich. Eine erschöpfte Frau braucht selbst viel Zuneigung, viel Aufmerksamkeit, viel Zeit um sich wieder nur als Frau wahrzunehmen, viel Zeit um ihren Körper wieder zu lieben und zu entdecken, ihre Lust überhaupt wieder zu erwecken. Sex ab und an ist möglich natürlich, aber auf Dauer findet sich ein Partner der mehr gibt als bekommt, schwer. Zumindest für eine Zeit bis Kinder selbständiger und größer sind, aber meistens kann so eine Beziehung auf Dauer nicht erhalten werden.

5. Freunde und Termine
Kinder zu einer Verabredung mit Freunden mitzunehmen, ist meistens keine gute Idee – aber anders geht es oft nicht! Ein Freundinnengespräch wird so ständig unterbrochen. Konzentration ist trotz Multitasking Eigenschaft, in diesem Fall sehr belastend. Sich auf zwei oder mehrere Seiten zu konzentrieren, mit schon strapazierten Nerven, ist eine echte Herausforderung, aber eine die man sich nicht so wirklich vorgestellt hat oder eine Herausforderung die man gar nicht will.
Wenn Kinder noch klein sind und man noch keinen Kitaplatz hat, muss man sie zu verschiedenen Terminen einfach mitnehmen. Von außen sieht es vielleicht niedlich aus, im Wartezimmer der Arztpraxen, beim Jugendamt oder irgendeinem anderen Termin, aber die Vorbereitungen, der begleitende Stress den ganzen Akt durchzuführen, das Ganze auf eine „normale Art und Weise“ auszuhalten und Ruhe zu bewahren obwohl man vielleicht am liebsten ausflippen würde, das können „die anderen“ nicht verstehen. Nur ein schweigendes Verständnis zwischen zwei Frauen, die 24 Stunden/Tag/7Tage/Woche/365 Tage/Jahr alleinerziehende Mütter sind, schwebt in der Luft.

Dass Kinder ein mindestens 20-jähriges „Projekt“ (oft nichtmal geplant), eine mindestens 20-jährige Aufgabe sind, das wissen viele Mütter und Väter, viele Eltern (auch wenn sie zusammen bleiben) vorher nicht! Oder in seltenen Fällen. Niemand weiß das wirklich, obwhol die Menschheit schon so lange exisitert, ist keiner auf die Idee gekommen, die Tatsachen über das Kinderkriegen und Leben mit Kindern realistisch(er) darzustellen, Schulungen und Ausbildungen anzubieten, als eine Pflichtausbildung!
Ich bin heutzutage überzeugt, dass man genauso wie fürs Autofahren oder andere Erlaubnisse, auch eine Kinderkriegen-Tauglichkeit vorher überprüfen soll. Sich schon vorher alle mögliche Herausforderungen vorzustellen. Tests zu machen.
Sich Fragen stellen:
– Bist du bereit, deine Freunde, Spaß am Leben und Freiheit sehr einzuschränken oder sogar abzugeben, für mindestens 5, 10 oder 20 Jahren?
– Bist du bereit, mindestens drei Jahre nicht richtig schlafen zu können?
– Bist du bereit für ein Paar Jahre Deinen Körper, Geist und Seele 90% nur deinen Kindern zu widmen?
– Wirst du genug Unterstützung von anderen haben? Wirst du in der Lage sein, mindestens 1x im Monat ein ganzes Wochenende nur für dich zu haben?
– Ist dein Alter geeignet und hast du überhaupt Lust und Kraft auf dem Spielplatz mit deinem Kind zu rennen, rutschen oder buddeln?
– Bist du bereit, ständig unterbrochen zu werden: beim Lesen, Telefonieren, während Gesprächen mit anderen Leuten, beim Arbeiten, sogar beim Entspannen, auf der Toilette und allem anderen was du im Leben ohne Kinder in Ruhe und ununterbrochen machen konntest?
Und hier ist, meiner Meinung nach, eine der wichtigsten Fragen:
– Bist du bereit, für alle Tätigkeiten im Alltag wie z.B. an einen Ort zu kommen, laufen, einkaufen oder irgendetwas zu tun, eine doppelte Portion Nerven und eine mindestens doppelte Zeit aufzubringen, dich freiwillig zu verlangsamen, deine Gefühle zu unterdrücken, in Situtationen wo du am liebsten explodieren würdest?
Und noch ein Paar sehr wichtige Fragen:
– Bist du vorbereitet dafür dass die Geburt nicht wie geplant oder erwartet verlaufen kann? Bist du bereit dass dein Kind eventuell mit Krankheiten und Einschränkungen auf die Welt kommen kann und du dein ganzes Leben dafür ändern und opfern musst.

Klar können wir alle diese Situationen nicht im Voraus wissen und oft lernen wir nur aus der Gegenwart. Nimand kann alles vorher sagen, wir schauen und warten erstmal wie es sein wird. Das ist das Leben. Ganz natürlich. Und wie man dann mit Gegebenheiten umgeht – das ist eine andere Frage.

Klar sind Kinder (auch) etwas Schönes und geben viel zurück, wenn man sich in die Kindererziehung komplett eingibt und ein relativ normales Leben mit viel Hilfe von anderen gestalten kann. Es gibt wunderschöne Momente mit Kindern.
Ich bin aber überzeugt, dass diese schöne Momente selten sind im Vergleich was man alles parallel durchmachen muss. Oft reden Alleinerziehende nicht über ihre Erschöpfung, sie glauben vielleicht kein Recht darauf zu haben. Wie kann man überhaupt über so etwas Schönes wie Kinder – meckern? Lass uns lieber von Babys aus Filmen indoktriniert bleiben oder das heile Bild von nur klugen, lustigen und süßen Kindern, die nie einen Wutanfall bekommen, behalten.
Wer Kinder hat, muss für sie da sein, die Verantwortung übernehmen und schweigen. Schönreden. Schauspielen dass alles in Ordnung ist, trotz Schwierigkeiten. Dass man sonst normal ist und wenn keiner sieht, übernatürliche Kräfte hat.

A wie alleinerziehend

Im Wort alleinerziehend wird verstanden dass es um jemanden geht, der Kind(er) alleine erzieht. Die Bedeutung des Teils „allein“ wird übersehen: wie allein diese Menschen sind, in der Bewältigung des Alltags. Wie allein sie sind mit ihren inneren Konflikten, wie jeder Schritt des Alltags geplant werden muss und wie sie andauernd unterschwellig Stress oder „etwas unangenehmes“ verspüren. Wie sie ständig von ihren Kinder im Denken, Reden, etwas Tun..unterbrochen werden.
Nach Außen mögen sie wie „normale“ Menschen vorkommen. Jedoch wie sie die Zeit und ihr Leben organisieren (müssen), ist nicht normal. Niemand sieht was für eine Strategie ist erforderlich, eine relativ harmlose Tätigkeit zu erledigen, z.B. einkaufen oder irgendwohin zu gehen. Es ist anstrengend, es ist unmenschlich ständig mit dem Kinderwagen irgnedwohin gehen zu müssen.
Die Unterstützung die Alleinerziehende brauchen, ist nicht finanzieller Natur, wie oft der patriarchalischer Staat glaubt (das sag ich jetzt erstmal so, weil unter Alleinerziehenden meistens Frauen sind).
Sowas wie Unterstützung von Alleinerziehenden gibt es NICHT.
Niemand kann ihnen die nötige Erholung geben und die Zeit wenn sie alleine mit sich selbst waren. (Das passiert natürlich auch in den Familien wo beide Partner mit Kindern leben, daher ist es für Alleinerziehende, die nicht mal ein Paar Stunden für sich haben, dementsprechend noch schlimmer. Sie können nicht sagen: „Kannst du jetzt übernehmen?“) Und ich meine 24 Stunden pro Tag, 7 Tage pro Woche, 365 Tage im Jahr alleinerzienede. „Getrennt lebende“ haben es gut!
Sind diese alleinerziehende Frauen (und Männer) selbst schuld? Kann sich jemand der keine Kinder hat und der in dieser Situation nicht war oder ist – überhaupt so eine Situation vorstellen? Interessiert das jemanden überhaupt? Wen interessiert das Leben von Alleinerziehenden? Und wenn sie nicht einen tollen Job hat und alles Tip-Top ist, wenn sie mit etwas „unordentlicher“ Frisur mit Kinderwagen herumläuft, wird sie oft unterschwellig „verurteilt“ im Unterschied zu einer Mutter die die gleiche unordentliche Frisur hat, aber verheiratet ist.

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Erfrischender Event ohne Sinn

Skate by night – Event in Berlin, Event Partner: Single Night.
Gestern Abend höre ich so ein Geräusch als ob es regnet und dachte schon, ach jetzt weiss ich warum ich den ganzen Sonntag so gereizt war – Wetterwechsel! Aber nein, ich komme auf meinen dreckigen Balkon auf dem man gar nicht schön mit Kaffee sitzen kann (die Straße ist einfach zu laut) und sehe ein wunderschönes Bild. Hunderte von Menschen auf ihren Skates oder Rollen, Inliner, fahren durch die Stadt, begleitend von guter Musik und Polizei. Erstmal dachte ich, aha Polizei, das ist eine Demo und es hat einen Sinn! Sie wollen uns etwas sagen, ein Zeichen setzen!
Ich suche im Internet worum es hier handeln könnte und finde dass es um ein Event geht, „back to the streets“ und „single night“, eher einfach um die Freizeit, also ein Freizeit-Event oder wie man die Freizeit in Berlin verbringen kann, wahrscheinlich als Single. Da ist keine Rede, zum Beispiel:
– lass uns weniger Autos fahren
– Autos weg aus der Innenstadt
– gegen Luftverschmutzung, Smog, Beschädigung der Ökosysteme
– Lunge frei und gesund
Nix davon.

Wollen sie ein Zeichen setzen dass sie Single sind und fühlen sich schlecht, bedroht, diskriminiert? Oder sie wollen hinweisen wie doof alle andere sind die eine (früher oder später unglückliche Beziehung) führen?

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Ein Event ohne Sinn ist auch ein Event. Vielleicht ist das eine gute Erfrischung zu all diesen Events mit Sinn welche im Endeffekt auch keinen Sinn machen. Jedenfalls Autos auf den Straßen nehmen zu. Genauso die Dummheit (Ignoranz) in der Welt.

Ich bin dann schlafen gegangen und hab noch vor dem Einschlafen einen Gedanken gehabt: Werden alle diese Singles auf den Skates und Rollen, nach der Single Night Party, weiter Single bleiben? Single Night wird sich für viele in Single Nicht ändern…

Schreiben

Seit meiner Kindheit faszinieren mich Buchstaben und Bücher. Ich mochte es, Bücher anzuschauen, lesen oder einfach spüren wie sie sich in meinen Händen anfühlen. Oder Geruch der neuen Bücher. Dieser Geruch ist die Konkurrenz zum Kaffeegeruch.

Relativ früh begann ich Texte zu schreiben, ungefähr im Alter von acht oder neun Jahren. Die ersten Geschichten die ich geschrieben habe, waren Horrorgeschichten, inspiriert von Horrorfilmen in unserem kleinen Kino in Kroatien wo ich aufgewachsen bin. Meine Mutter war schockiert als sie herausgefunden hat was ich schreibe und ich durfte nicht mehr ins Kino. Übrigens, damals gab es keine Altersgrenze für Horrorfilme, zumindest nicht bei uns oder niemand hat das beachtet.

In der 6. Klasse bekam ich in einem Wettbewerb den Preis für ein Gedicht. Das Gedicht war blumig und hippy, aber eigentlich kommunistisch. Obwohl bestimmte Individuen die Idee des Kommunismus mißbraucht haben, blieb die Idee in mir eingeimpft, als ein guter Vorsatz.

Mein Schreiben würde ich nicht als Ruf nennen, ich würde sagen es ging eher um eine Therapie, sogar Überlebenstechnik. Vier Jahre habe ich verbraucht um kroatische Sprache und Literatur(en) zu studieren um festzustellen dass ich auch ohne Studium schreiben kann. Aber in unserer Stadt gab es nicht so viele Studienmöglichkeiten und Literatur war zumindest ein Bißchen mit Kunst verbunden.

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Nicht desto trotz fing ich an, als Korrekturleserin und Lektorin zu arbeiten. Ich verlor mich in den Texten anderer und so vergaß ich irgendwann dass ich doch lieber eigene Bücher schreiben wollte. Aber der Funke selbst, der Funke in mir, oder in jedem von uns, vergisst sich selbst nicht und versucht immer „nach oben“ und „nach außen“ sich zu drängen. Es muss sich selbst irgendwie ausdrucken, beleben.
Ich fing an, mit der Sprache zu spielen und schrieb Gedichte am Arbeitsplatz die nur Wörter mit Anfangsbuchstabe A oder B hatten, das war fast wie eine mathematische Aufgabe. Oder ich griff in die Grammatik meiner Texte ein und ließ ein Verb aus den Sätzen einfach weg. Diese experimentelle Texte schickte ich an einige Literatur Zeitschriften, die meine Sätze ohne Verb unbedingt korrigieren wollten und meine sprachlichen Innovationen nicht verstanden haben.

Mir hat es nicht gleich gelungen, das zu machen, wofür ich brenne. Ich musste fast die halbe Erdkugel bereisen, ein Paar Ausbildungen machen und vieles auszuprobieren um festzustellen wofür ich eigentlich brenne. Und ganz so sicher bin ich mir noch immer nicht und ob man überhaupt brennen muss, eine schöne Wärme reicht vielleicht auch.
Es gibt so viele Dinge für welche ich „brennen“ könnte. In den letzten Jahren kristallisierte sich dieses Bedürfnis wieder zu schreiben. Es ist EIN der vielen Funken in mir, kam ich zum Beschluss. Und warum nicht mehrere Funken? Und witzig dass sich diese Bedürfnis jetzt in einer anderen Sprache ausdrücken will.

Vom Frühstück über Familie zum Gott

Sonntage in Berlin sind anders als Sonntage in Kroatien. Zudem haben wir in Kroatien wenig ausgeprägte Frühstückskultur in Cafés, Restaurants oder zu Hause. Eigentlich gar nicht.

In Berlin wird Frühstück, und besonders das Sonntagsfrühstück, zelebriert.
In Kroatien ist der Sonntag meistens ein trauriger Tag und Frühstück, na ja, Kaffee gibt es. Türkischen Kaffee.

Es kann vorkommen dass sonntags doch etwas gefeiert wird, aber eigentlich ist es ein Tag an dem man eher die Wäsche bügelt, eventuell einen Kuchen backt. Manchmal besuchten sich die Verwandten, saßen im Wohnzimmer und redeten während ein Fernsehprogramm lief.
Früher gab es eine Sendung auf unseren zwei Programmen, die Sendung „Sonntags Nachmittag“ mit anschließendem amerikanischen Film. Heute gibt es amerikanische Filme am Sonntag Nachmittag auch, oft mit viel Gewalt. Und wenn es den Film nicht gibt, jetzt gibt es mehrere Programme, mit türkischen Serien, auch mit viel Gewalt.

In Berlin geht man sonntags schon früh „nach draußen“. Es ist ein Familientag. Für mich war das Wort und Vorstellung von Familie immer ein Schreck. Wörter wie „meine Tante“ oder „mein Cousin“ habe ich unheimlich selten gebraucht. Von Natur aus, konnte ich nie einer Familie gehören und auch keiner Organisation.

Ich kenne fast keinen Menschen der eine gute Beziehung zu seinem Vater oder Mutter hat. Da sind immer irgendwelche Vorwürfe vorhanden. Kleinere oder größere. Geschwister hassen sich oft und kämpfen für die Liebe der Eltern. In den meisten Familien lernt man Streit, Macht, Kampf und Zwang kennen. Wie denn nicht wenn wir auch von außen gesteuert werden. Es ist in unserer kollektiven Existenz und Bewusstsein tief verwurzelt dass jemand über uns nötig und notwendig ist. Meistens etwas ziemlich Abstraktes, wie z.B. der Staat. Oder Religion. Obwhol der Gott etwas noch abstrakter als Staat ist, zumindest ist es persönlicher. Den Gott kann man immer ansprechen, Menschen an der Macht selten.

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Verletzte Pflänzchen

Wir sind alle mehr oder weniger verletzte Pflänzchen die vegetieren und ihren Schmerz unter der Sonne zu heilen versuchen. Der Schmerz ist unüberwindbar, schon im Mutterleib haben manche Menschen den Schmerz erlebt. Die Schwingungen des Schmerzes. Der Schmerz ist der akkummulierte Müll, etwas was wir nicht einfach so entsorgen konnten. Unsere Güte und das Glauben an das Gute und Schöne zerfällt in diesem Schmerz. Jeder Schmerz ist eine Enttäuschung, eine heisse Ohrfeige an das Gute, Menschliche, fast Naive in unserem Wesen.

Hässlich und hübsch

Die alte Ärztin in der Ambulante unseres Ortes war eine recht hässliche Frau. Ich glaube noch immer dass meine Muttermale von der Creme die sie mir verschrieben hat gekommen sind. Und die Zahnärztin in der Ambulante war auch eine hässliche Frau. Ihre Helferin genauso. In unserer Ambulante war einfach ein Team hässlicher Leute, äußerlich und vor einigem innerlich. Ich weigerte mich irgendetwas zu sagen, ich weigerte mich meine Zähne reparieren zu lassen. Floh vom Zahnarztstuhl und ein anderes Mal wurde meine Mutter gebeten, mich doch lieber nach Hause mitzunehmen und nächstes Mal zu kommen, wenn ich wieder ruhig werde. Ich kann mich irgendwie nur an meine schwarze Gummistiefel erinnern und deren Zappeln am Zahnarztstuhl. Der nächste Zahnarzt in der Ambulante, der Dr. Zimmermann war für viele Frauen hübsch. Er nahm mir den 5. unten rechts raus, lächelnd. Nach einigen Jahren sah ich die Zahnärztin auf der Straße. Ihr schwarzes Haar bekam einen blauen Schimmer, welches mich an die bösen, aber zärtlichen Fliegen, bzw. ihre Flügelchen erinnerte. Das Zärtliche was sich ins Böse verwandelte, genau das war es damals mit unserer Ambulante und Erziehungsversuch – mit Zwang und Boshaftigkeit unsere Ohnmacht zu erlangen.

Das Glück von außen

Gerade in dem Moment wo wir den ersten Schluck Kaffee in „W“ trinken wollten, klingelte mein Handy. Den Namen verstand ich nicht, aber ich erinnerte mich an die samtige Stimme des Immobilienmaklers:
– Kommen Sie am besten noch heute mit all den Unterlagen ins Büro. Und wenn Sie den Vertrag unterschrieben haben, spendieren Sie mir einen Kaffee!
Ich konnte kaum etwas sagen, Ruhami schaute mich mit verwunderten Augen an und dachte dass es um einen Liebhaber oder sowas geht, aber als ich ihr zum ersten Mal die baldige Verwirklichung einer meinen vielen Ideen bestätigen konnte, starrte auch sie erstmal wie gelähmt und dann fingen wir beide unartikulierte Laute von sich abzugeben.

Leute in „W“ wollten unseres Glück nicht teilen, sie lasen weiter ihre Zeitungen und Bücher, eine pustete genervt vor sich hin und fluchte als sie einen Fehler beim Schreiben auf ihrer Mac Tastatur machte. Einem blieb eine Müslikrümel im Hals stecken und er hustete wild und wurde ganz rot im Gesicht.
Das war einer der Nachmittage wo ich mich unglaublich glücklich gefühlt habe und es mir völlig egal war was und wie mich die anderen wahrnehmen, alles erschien so sinnvoll und perfekt. Ich glaube das heisst Erleuchtung. Ich lief die Straßen des Prenzlauer Bergs und merkte Männerblicke in meiner Richtung, weil es nichts sexier gibt als eine glückliche, lebenslustige Frau, auch wenn sie nicht gut aussieht. Und Blicke der Frauen waren freundschaftlich, ja, so eine Freundin wünscht man sich auch, eine die nicht nur meckert, sondern eine die schon mir ihrer Präsenz aufbaut. Mir unbekannte Kinder sprachen mich an weil ich so eine tolle Energie ausstrahlte. Und so war ich in diesem Moment, ich liebte die ganze Welt und die Welt liebte mich.