Nette Münder

Jahrelang habe ich die Tatsache unterdrückt, dass ich alleinerziehend bin und anfälliger für Überforderung, Depression und Burnout. Ich habe mit niemanden darüber gesprochen, bzw. fand auch keine andere Mütter oder Elternteile die ganz alleine mit ihren Kindern sind und die gleichen oder ähnlichen Herausforderungen ausgesetzt sind. Jetzt wenn meine Kinder etwas größer sind, vielleicht ist es jetzt die Zeit gekommen, darüber zu sprechen. Früher bin ich überhaupt nicht dazu gekommen, darüber zu sprechen. Ich hatte keine Zeit einen Blog zu schreiben, bzw. ich dachte ich muss einfach durchhalten.

Wenn ich doch das Wort „alleinerziehend“ erwähnt habe oder versucht habe, meine Geschichten mit Männern und Beziehungen zu erzählen, in Gesprächen mit „normalen“ Menschen, dann kriegte ich meistens diesen Feedback:
„Du hast es aber selbst so ausgewählt!“ – (Meine Antwort: Jain.)
„Du hast es so gewollt“ – (Meine Antwort: Hmmm, weiß ich nicht so ganz genau.)
„Selber schuld“ – (Meine Antwort: Danke für deine Beurteilung, aber die Bestrafung dafür dass ich falsche Entscheidungen in meinem Leben getroffen habe weil ich einfach nur ein Mensch bin, brauche ich aus deinem netten Mund nicht!)

Wenn man wirklich so eine Lebenssituation wollen würde, dann würde auch keine Frau und kein Mann sie freiwillig auswählen. Das würde auch bedeuten, dass man die Zukunft sehen kann. Es gibt in einer bestimmten spirituellen Szene Menschen, sie sagen dass sich die Seele Lebenssituationen selbst aussucht, um daraus zu lernen, die Lektionen zu bekommen, die nötig sind für ihre weitere Entwicklung.
Ich bin aber eher für die Erklärung dass alles multifaktioriell ist und dass wir Vieles tun um die Ziele zu erreichen die in unserem Unterbewusstsein schlummern. Da geht es meistens nur um ein Ziel, egal wie man es nennt: Erfolg, Gesundheit, egal. Hinter Allem versteckt sich das Ziel der Liebe, geliebt zu sein oder zu lieben oder wer schon ein wenig fortgeschrittener ist: einfach in Liebe zu sein.

Was ich von der Kindererziehung kannte, habe ich aus den Filmen gelernt. Das lachende Baby, Spiel und Spaß. Lustiger Windelwechsel, Stillen mit Lächeln, mit dem Kinderwagen stolz und gutaussehend spazieren, warum nicht, das ist doch schön – so malt sich die Mehrheit der Menschheit das Leben mit Kindern, allein- oder nicht alleinerziehend.

Über die andere Seite des Lebens mit Kindern, wie wundschmerzende Brustwarzen, gezwungener Schlafentzug über mehrere Jahre, oft Armut oder Leben im Kleinverdienerlnnen Bereich, darüber wird zu selten berichtet.
Alleinerziehendes Leben mit einem, zwei, manchmal sogar mehr als zwei Kindern, kann sich niemand wirklich vorstellen, solange man nicht in der selben Situation war oder ist, besonders nicht Männer an der Macht.
Ich würde mal gerne wissen ob es alleinerziehende Männer an der Macht gibt.

Oft glauben „die anderen“, also Leute die nicht alleinerziehend sind oder Leute die überhaupt keine Kinder haben, dass alleinerziehende Eltern(teile) Menschen sind, die sich von „normalen Menschen“ nicht unterscheiden.
„Normale Menschen“ haben wahrscheinlich andere Probleme im Leben, aber trotz diesen anderen Problemen sind Unterschiede groß und oft übersehen.

1. Freizeit
Eine alleinerziehende Frau oder ein alleinerziehender Mann (wobei hier oft auch große Unterschiede bestehen) passt sein Leben komplett an das Leben der Kinder und hat keine freie Zeiten wie z.B. getrenntlebende Eltern oder Elterin die sich die Aufgaben aufteilen können. Es gibt keine freie Entscheidung wann und wie man die Freizeit verbringt, keine langweilige Momente des Tagträumens. Oft ist die Freizeit nur der späte Abend, wo man sowieso nicht mehr in der Lage ist etwas anderes zu tun als vor dem Fernseher oder Internet zu sitzen und dabei einzuschlafen. (Es kommt auch auf das Alter und Schlafgewohnheiten der Kinder – manchmal ist sogar das nicht möglich!).
Fazit: Es gibt keine spontane Freizeit oder eine längere Zeit der Langeweile welche dich wieder zur Aktivität bringt. Wenn man die Freizeit doch hat, dann macht man wieder etwas was nicht für die Seele ist, z.B. Steuererklärung, Haushalt oder irgendetwas was man noch „erledigen“ muss. MUSS.
Die Freizeit muss geplant werden und das ist für Menschen mit Neigung zur Spontanität und Freiheit besonders schwer. Sie haben oft keine Lust auf die „geplante Freizeit“. Wieso weiß man ob man morgen, übermorgen, genau in einer bestimmten Zeit Lust haben wird, eine bestimmte Sache zu tun? Das habe ich persönlich nie verstanden, im Leben mit und im Leben ohne Kind. Eine geplante Freizeit kommt so künstlich vor.
Als Alleinerziehende musste ich mich auf Miniauszeiten, Minifreiheiten wo es so ist wie es früher war, gewöhnen und zufriedenstellen. Das war ein Ausweg, aber es reicht nicht um sich vollständig zu regenerieren. Jeder der Burnout hatte weiß, dass freie Zeit erstmal dazu dient um nichts zu machen, in die Leere zu fallen, um sich überhaupt zu erholen. Und dafür braucht man viele Tage, keine Mikrozeiten.

2. Partnerschaft(en)
Irgendwann wünscht man sich vielleicht eine neue Beziehung. Ein neuer Versuch. Dabei vergisst man dass Kinder 90% der Gedanken und Handlungen beeinflussen. Vielleicht hat man jetzt einen Kitaplatz gefunden oder Kinder in der Schule sind, aber jede Phase birgt auch neue Herausforderungen. Das kann sich vom Monat zum Monat ändern.
Eine neue Partnerschaft ist auch eine neue Herausforderung, sobald die Verliebtheitsphase vorbei ist.

Eine Frau die durch Kindererziehung (oft mit Auseinandersetzungen die zur Weißglut bringen und das Nervensystem tagtäglich strapazieren), Arbeit (auch wenn es eine geringfügige Beschäftigung ist! – über Vollzeit möchte ich gar nicht nachdenken), also eine Frau die neben Kinder dazu einen „normalen Alltag“ führen versucht, muss ihre eigene Bedürfnisse unterdrücken bzw. vergessen – was im Endstadium definitiv zum Burnout führt oder zumindest zu einem Nervenzusammenbruch, kleineren oder größeren. Jedenfalls zu einem Bruch der eigenen Persönlichkeit, des eigenen Lebens, Wünsche, Erwartungen oder Vorstellungen. Es ist ein harter Weg.

Diese Frau kann keine „normale“ Beziehung führen, weil erstmal die Beziehung zu ihr selbst unterbrochen wurde, nicht mehr möglich ist, wie im Leben ohne Kinder. Nicht wirklich. Auch bei Paaren ist es so, nur da hat man mehr Möglichkeiten sich zu regenereiren.

Die Märchen „alles unter einen Hut zu bringen“ – Mutter, Frau und Businesswoman – klappt auf Dauer nicht!

Natürlich gibt es auch da Unterschiede. Das gilt natürlich nicht allgemein. Nicht alle Kinder sind anstrengend, nicht alle Eltern bekommen Depressionen oder sind gar nicht überfordert.
Wenn Alleinerziehende noch Großeltern, das andere Elternteil oder irgendeine andere Möglichkeit haben, für mindestens ein Wochenende ihre Kinder abzugeben, dann haben sie schon etwas mehr Glück als Alleinerziehende die diese Möglichkeit gar nicht haben.

3. Arbeit
Es gibt hier verschiedene Meinungen und Gefühle. Manche alleinerziehende Frauen arbeiten Vollzeit, da z.B. ein Büro und andere Leute (andere „normale Leute“), vielleicht auch eine Art Flucht sind, die letzte Verbindung zum Leben wie vorher. Eine Flucht aus dem Leben in dem man durch Kindererziehung und ständiges Planen und Organisieren endlich mal die Energie und Fähigkeiten in etwas Anderes geben kann, auch wenn es (leider) nur eine Arbeit ist, es ist eine Abweschslung, eine Verlagerung.
Viele Alleinerziehende Menschen werden ihnen sagen dass für sie die Arbeit Entspannung ist! Einfach etwas anderes zu sehen, an etwas anderes zu denken als nur Bilderbücher, Zeichentricks, Kinder- Geschrei und Quengelei.
Da man aber in beiden Fällen (das Leben alleine mit Kindern und Arbeit) nie wieder zu sich selbst kommt oder zu selten – ist eine Überforderung mit Burnoutpotential oft vorprogrammiert.

4. Sex
Eine ausgelaugte Frau kommt sehr selten dazu, ihre Bedürfnisse zu erfüllen, im Unterschied zu Frauen die zwar andere Probleme haben, aber mehr Zeit einfach nur für sich alleine. Ganz wichtiger, großer Unterschied: für sich alleine ohne Unterbrechung mit ständigen Fragen, herumwirbeln, kleinen oder größeren „Unfällen“ und Ähnlichem.
Ach, eine stundenlange Zeit nur für sich und dann noch ganz viele langweilige Stunden alleine – wie herrlich. Eine, durch Leben mit Kindern erschöpfte Frau braucht selbst viel Zuneigung für sich selbst, viel Aufmerksamkeit, viel Zeit um sich wieder nur als Frau wahrzunehmen, viel Zeit um ihren Körper wieder zu lieben und zu entdecken, ihre sexuelle Lust überhaupt wieder zu erwecken.
Sex ab und an ist möglich natürlich, wenn man sich der eigenen Lebenssituation bewusst ist und weiß was man will, aber auf Dauer findet sich ein verständnisvoller Partner, mit dem man auch mehr teilen möchte, schwer.

5. Freunde und Termine
Kinder zu einer Verabredung mit Freunden mitzunehmen, ist meistens keine gute Idee – aber anders geht es oft nicht! Ein Freundinnengespräch wird so ständig unterbrochen. Konzentration ist trotz Multitasking Eigenschaft, in diesem Fall sehr belastend. Sich auf zwei oder mehrere Seiten zu konzentrieren, mit schon strapazierten Nerven, ist eine echte Herausforderung, aber eine die man sich nicht so wirklich vorgestellt hat oder eine Herausforderung die man gar nicht will.

Wenn Kinder noch klein sind und man noch keinen Kitaplatz hat, muss man sie zu verschiedenen Terminen einfach mitnehmen. Von außen sieht es vielleicht niedlich und ganz normal, selbstverständlich aus; im Wartezimmer der Arztpraxen, beim Jugendamt oder irgendeinem anderen Termin, aber die Vorbereitungen, der begleitende Stress den ganzen Akt durchzuführen, das Ganze auf eine „normale Art und Weise“ auszuhalten und Ruhe zu bewahren obwohl man vielleicht am liebsten ausflippen würde, weil das Kind gerade nicht mitmachen möchte, das können „die anderen“ nicht verstehen. Nur ein schweigendes Verständnis zwischen zwei Frauen, die 24 Stunden/Tag/7Tage/Woche/365 Tage/Jahr alleinerziehende Mütter sind, schwebt in der Luft.

Dass Kinder ein mindestens 20-jähriges „Projekt“ (oft nichtmal geplant), eine mindestens 20-jährige Aufgabe sind, das wissen viele Mütter und Väter, viele Eltern (auch wenn sie zusammen bleiben) vorher nicht! Nicht wirklich. Oder in seltenen Fällen.
Niemand weiß das wirklich, obwhol die Menschheit schon so lange exisitert, ist keiner auf die Idee gekommen, die Tatsachen über das Kinderkriegen und Leben mit Kindern realistisch(er) darzustellen, Schulungen und Ausbildungen anzubieten, als eine Pflichtausbildung!

Ich bin heutzutage überzeugt, dass man genauso wie fürs Autofahren oder andere Erlaubnisse, auch eine Kinderkriegen-Tauglichkeit vorher überprüfen soll. Sich schon vorher alle mögliche Herausforderungen vorzustellen. Tests zu machen.

Sich Fragen stellen:
– Bist du bereit, deine Freunde, Spaß am Leben und Freiheit sehr einzuschränken oder sogar aufzugeben, für mindestens 5, 10 oder 20 Jahren?
– Bist du bereit, mindestens drei Jahre nicht richtig schlafen zu können?
– Bist du bereit für ein Paar Jahre Deinen Körper, Geist und Seele 90% nur deinen Kindern zu widmen und weißt Du überhaupt was GENAU das bedeutet?
– Wirst du genug Unterstützung von anderen bekommen?
– Wirst du in der Lage sein, mindestens 1x im Monat ein ganzes Wochenende NUR für dich zu haben?
– Ist dein Alter geeignet und hast du überhaupt Lust und Kraft auf dem Spielplatz mit deinem Kind zu rennen, rutschen oder buddeln? Nach einer Nacht ohne Schlaf oder neben allen anderen Aufgaben die Du am Tag erledigen musst um mehr oder weniger Ordnung und „Normalität“ zu schaffen?
– Bist du bereit, ständig unterbrochen zu werden: beim Lesen, Telefonieren, während Gesprächen mit anderen Leuten, beim Arbeiten, beim Entspannen, auf der Toilette und allem anderen was du im Leben ohne Kinder in Ruhe und ununterbrochen stundenlang machen konntest?

Und hier ist, meiner Meinung nach, eine der wichtigsten Fragen:
– Bist du bereit, für alle Tätigkeiten im Alltag wie z.B. an einen Ort zu kommen, laufen, einkaufen oder irgendetwas zu tun, eine doppelte Portion Nerven und eine mindestens doppelte Zeit aufzubringen, dich freiwillig zu verlangsamen, deine Gefühle zu unterdrücken, in Situtationen wo du am liebsten explodieren würdest?
– Bist Du bereit, deine Ohmacht kennenzulernen, sowie dass Du nicht allen Situationen gewachsen sein wirst?
– Bist Du bereit Fehler zu machen und daraus vielleicht nicht zu lernen, sie immer wieder zu machen?

Und noch ein Paar sehr wichtige Fragen:
– Bist du vorbereitet dafür dass die Geburt nicht wie geplant oder erwartet verlaufen kann?
– Bist du bereit dass dein Kind eventuell mit Krankheiten und Einschränkungen auf die Welt kommen kann und du dein ganzes Leben dafür ändern und opfern musst?
– In den Medien wird auch nicht alles über die Geburt berichtet. Jede Frau und jede Geburt ist individuell, hat einen individuellen Verlauf. Manchmal ist Keiserschnitt ein Notfall. Was genau in einem Kreissaal passiert, weiß niemand wirklich, das wird ständig durch Wirkung der Glückshormone wie vergessen. Das Lächeln nach der Geburt ist ein Moment, der vielleicht nach zwanzig Stunden Wehen kommt. Die Schreie die durch Wehen entstehen, die hört man erst im Kreissaal. Angenehm sind sie nicht!

Klar können wir alle diese Situationen nicht im Voraus wissen und oft lernen wir nur aus der Gegenwart.
Nimand kann nichts vorher sagen, wir schauen und warten erstmal wie es sein wird. Das ist das Leben. Ganz natürlich.
Und wie man dann mit Gegebenheiten umgeht – das ist eine andere Frage – das bringt uns oft niemand bei.

Klar sind Kinder (auch) etwas Schönes, wenn man sich in die Kindererziehung komplett eingibt und ein relativ normales Leben mit viel Hilfe von anderen gestalten kann. Es gibt wunderschöne Momente mit Kindern, die mit nichts ersetzt werden können und die würde ich auch nie tauschen wollen. Ich bin aber überzeugt, dass diese schöne Momente selten sind im Vergleich was man alles parallel durchmachen muss. Oder manche Mütter, Väter, Eltern…haben einfach mehr Glück, manche weniger.

Oft reden Alleinerziehende nicht über ihre Erschöpfung, sie glauben vielleicht kein Recht darauf zu haben. Wie kann man überhaupt über so etwas Schönes wie Kinder – meckern? Lass uns lieber von Babys aus Filmen indoktriniert bleiben oder das heile Bild von nur klugen, lustigen und süßen Kindern, die nie einen Wutanfall bekommen, behalten.
Es ist mir klar, wer Kinder hat, muss für sie da sein, die Verantwortung übernehmen. Mit Schwierigkeiten umzugehen lernen. Vielleicht vieles auch verdrängen. Schauspielen dass man „normal“ ist. Und damit zu leben, dass keiner deine übernatürliche Kräfte sieht.

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