Barbiepuppe

Das einzige was ich als Kind nicht bekommen konnte und ich weiß noch immer nicht warum, war die Barbie Puppe. Dachten meine Eltern dass sich Barbie schlecht auf meine Psyche auswirken könne, dachten sie dass das einem kommunistischen Kind nicht passt oder dass ich lieber mit einfachen, „normalen“ Puppen spielen sollte, werde ich nie wissen.

Das Nichthaben einer echten Barbie war eventuell fatal für die Entwicklung meiner Weiblichkeit. Obwohl Barbie (zumindest die älteren Modelle aus den 80-ern) sehr unnatürlich lange Beine hat, einen kurzen Rumpf und ihre Füße für hohe Absätze schon geformt sind, ihr Gesicht und Haare verkörperten das Weibliche, womit sich fast jedes Mädchen identifizieren kann, in einem bestimmten Alter. Fast jedes Mädchen geht durch so eine Phase.
Das gütige, lächelnde Gesicht von Barbie, ihre schöne lange Haare und coole Klamotten – das wurde mir entzogen.

Dazu kamen noch zwei Sachen in Verbindung mit Barbie.
Die erste passierte am Weihnachten, bzw. am Silvester. Im „Kommunismus“ feierten wir kein Weihnachten, deswegen ist mir Silvester eher als ein Tag des Geschenkeverteilens in Erinnerung geblieben und ich mag es noch immer, sich zum Neujahr zu beschenken. Ich finde es sinnvoller, ist doch ein neuer Anfang, zumindest kalendarisch.
Wen interessiert denn die Geburt eines Mannes aus Nazareth, der eventuell ein Buddhist war oder eines Mannes der vielleicht (wie viele andere) ein Paar Meditationserfahrungen hatte und einfach sowas wie ein Yogi war? Sogar er hätte es bestimmt nicht gewollt, dass man so einen Tag nur wegen ihm und auf diese Art und Weise feiert.

An einem dieser Silvesterabende konnte ich schon durch das Geschenkpapier (unter dem Tannenbaum, also Tannenbaum hatten wir) ertasten, dass es um eine Puppe geht! Eine Barbie Puppe, aber irgendwie war sie, vom Gewicht her, zu leicht. Ich öffnete das Geschenkpapier und sah erstmal möhrenfarbene Haare, ein Gesicht ohne richtiger Barbienase, die Augen, Mund waren einfach nur drauf gezeichnet. Die Puppe hatte halt lange Beine wie die Barbie, aber das war keine echte Barbie, das war eine schlechte Kopie.
Ich fühlte mich völlig betrogen, belogen und unterdrückt.
Auf die Frage wie mir die „Barbie“ gefällt, habe ich höflich geantwortet dass sie… gut ist. Meine Mutter dachte wahrscheinlich dass dies die Wahrheit ist und es interessierte sie nicht weiter was ich mit der Puppe gemacht habe.
Ich habe mit dieser Puppe nie gespielt, ich habe mich geschämt mit dieser Puppe zu meinen Freundinnen zu gehen. Sie hatten alle echte Barbies aus dem echten „Barbiematerial“ und die Beine konnten sie im Knie anwinckeln. Meiner Kopiepuppe hab ich die Haare mit Absicht gewaschen, dann sah sie aus wie Frauen mit einer schlechtgemachten Dauerwelle, irgendwie ausgetrocknet.

Die zweite Sache passierte eines Tages beim Shopping in Triest. In Jugoslawien durften wir in einem westlichen, kapitalistischen Land wie Italien schoppen. Da wir in diesem Fall Glück hatten und nur ein und halb Stunde Fahrt von Triest wohnten, waren wir oft da. Manchmal sind meine Eltern einfach so dahin gefahren, um dort ein Espresso zu trinken.

An diesem einen Shoppingtag war ich vielleicht zu nervig und meine Eltern schon sehr müde und wollten keinen Konflikt mit mir eingehen, jedenfalls, nachdem ich sie gefragt habe, ob sie mir die ganze Packung Barbieschuhe kaufen, antworteten sie mit „ja“. Ich war erstmal fast enttäuscht dass sie nicht mit „nein“ geantwortet haben, aber ich nutzte die Situation aus und wählte die schönste Packung aus, mit ungefähr fünfzehn Paar Barbieschuhen. An dunkelblauen, hellblauen, rosa und roten kann ich mich noch gut erinnern. Es gab auch zwei Paar Stiefel, weisse und – glitzernde!! Ich kam aus Triest sehr froh zurück, am meisten freute ich mich, meine neue Barbie Sachen Freundinnen zu zeigen. Ich konnte vor Aufregung fast gar nicht schlafen und rannte am nächsten Tag gleich zu ihnen.

Wir spielten Barbie. Sie hatten sogar einen Ken dabei und viele nette Sachen. Oft bekamen sie Speilzeug von deutschen Touristen, die jeden Sommer in ihrem Haus die Unterkunft buchten. Horst und Babette waren ihre besten Spielzeuglieferanten. Einmal haben sie sogar das ganze Barbiehaus bekommen. Ein Traum.

Meine unechte Barbie habe ich zu Hause gelassen und ich durfte eine Barbie von ihnen ausleihen. Ich brachte all die Barbieschuhe mit. Meine Nachbarinnen staunten. Die glitzernden Barbiestiefelchen passten zu ihrem Augenglitzer. Wie stolz ich war! Und ins Spiel vertieft. So vertieft, dass ich nicht gemerkt habe wie die Schuhpärchen langsam, irgendwie verschwanden.

Es galt die Regel des Austauschens und ich wartete geduldig auf das rosa Schuhpaar, dann auf dunkelblaues, aber irgendwie kam ich nie dran oder war wieder schon so vertieft und noch immer unter Serotoninwirkung.
Im Kommunismus wurde alles gerne geteilt, wobei aber einige doch etwas mehr nur zu sich nahmen als sie brauchten. Genauso wie viele Bauer ihre Gründstücke nie wieder zurückbekamen, so sah ich meine Barbieschuhe nie wieder. Kein einziges Paar konnte ich finden. Vielleicht nur die braunen. Viele Mädchen mögen gerade die braune Farbe nicht, vielleicht deswegen.

Irgendwie haben sie es geschafft, meine Barbieschuhe verschwinden zu lassen und grinsten. Als ich ihrer Mutter gesagt habe, dass meine Barbie Schuhe von ihren Töchtern unrecht entnommen wurden, wusste sie nicht was sie sagen konnte, es war kein großes Ding über welches sich die Erwachsenen sorgen wollten. Im Prenzlauer Berg ab ca Jahr 2000 hätte das nicht passiert.

Ihre Töchter sahen mich mit einer sadistischen Freude weiter an. Ich habe für meine Rechte nicht weiter gekämpft und ging nach Hause. Meinen Eltern habe ich nichts erzählt. Ich wusste nicht, wie ich für mich und für das was mir gehört, kämpfen kann.

9 Kommentare

  1. Unglaublich, was bekommen oder nicht bekommen manchmal für einen Unterschied macht. Ich kann mich nicht erinnern, mir jemals sehnlichst eine Barbie gewünscht zu haben, dafür hab ich aber trotzdem eine gekriegt (sowohl die echte als auch die unechte Sorte), aber dafür war sie mir nie sonderlich wichtig. Aber wer weiß, hätte ich keine haben dürfen, dann wäre das vielleicht ganz anders gewesen!

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    1. Hey Tala2019, danke für Dein Kommentar! Manchmal ist es auch so nur weil die anderen etwas haben und der kindliche Geist glaubt, das auch haben zu müssen… Ich glaube fast jeder hatte sowas in der Kindheit…Obwhol, wiele Erwachsene verhalten sich noch immer so :D, ganz liebe Grüße

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      1. Ja, ich glaube, das ist eine schwer zu überwindende Verhaltensweise 🙂 Ich hab mir inzwischen angewöhnt, nicht immer gleich sofort zu kaufen, sondern erstmal eine Weile zu warten, ob der Wunsch bleibt und ich etwas WIRKLICH haben will 🙂
        Liebe Grüße

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