Und es war Prenzlauer Berg

In Ost-Berlin waren die Neubauten von innen nicht so toll wie die in damaligen Jugoslawien. Zum Beispiel war der Fußboden mit PVC belegt und bei uns mit hochwertigem Parkett. Sehr hellhörig sind sie auch. Was bei uns aber etwas unheimlich war in manchen Hochhäusern, eine ganze 27. Etage wackelte leicht bei Borawind. In der DDR wurden die Plattenbauten in die Länge gebaut, bei uns eher in die Höhe. Man weiß nicht was schlimmer und unmenschlicher war. Und noch ist. Unsere Plattenbauten litten eher von außen, da wurden die Fassaden seit der neuen Regierung und Unabhängigkeit des Landes nicht erneuert.

Altbauten bei uns hatten immer einen schlechten Ruf. Jeder wollte in einem Neubau wohnen. Das war wie etwas höheren Standard zu haben, etwas besseres zu sein. Altbaukult, vor einigem mit Stuck und hohen Decken, war für mich deswegen etwas Neues, bzw. ich wusste nicht dass ich hier meine Vorliebe für die Altbauten ausleben darf.

In Berlin, noch Ende 90-ern, als ich nach Prenzlauer Berg kam, da wohnte Anastasia in einer Altbauwohnung in der Speisekammer für eine Zeit, weil sie ihre beiden Zimmer untervermietet hat, um die Wohnung weiter bezahlen zu können.

Es gab die Zeiten wo man im Winter nicht geheizt hat, weil die Gasetagenheizung fast das ganze Monatsgehalt auffraß. Einmal lud mich Gilad um zu musizieren in seine Wohnung in Mitte, eine wunderschöne, eiskalte Wohnung. Wir spielten zehn Minuten.

Besonders schlimm war es für mich wenn ein WC im Treppenhaus war und ich durch kalte Flure hin zum WC und zurück in die Wohnung musste.

Sonst war man in der Wohnung auch schön warm angezogen; Frauen in alten dicken Männerpullovern, Männer immer mit Mütze, alle mit drei Paar Socken. So hat man manchmal die eigenen Freunde und Freundinnen nicht erkannt als sie die Tür aufmachten. (Früher hat man oft einfach an der Tür geklingelt um jemanden zu besuchen ohne vorher einen Termin Wochen im Voraus vereinbaren zu müssen.) Als wir uns dann wiedererkannt haben, tranken wir Schwarztee, rauchten in geschlossenen Räumen und diskutierten über die Politik.

In Berlin habe ich für mich auch wieder die Politik entdeckt! Das womit sie mich als Kind gefüttert haben, Gleichheit für alle, Klassenkampf und eine Gesellschaft ohne Staat, das wurde mir im Kommunismus eingeimpft. Ich dachte dass dieses Thema eigentlich vorbei war, mit der Zersplitterung von Jugoslawien und anderen „kommunistischen“ Ländern. Ich wusste eigentlich nicht dass sich viele Deutsche für kommunistische und anarchistische Ideen begeistern konnten und wirklich in dieser Richtung auch aktiv waren. Ich hatte eine andere Vorstellung vom Deutschland, ein Land der Supermärkte, des Wohlstandes und des billigen Duftes aus Schlecker. Ich wusste auch nicht dass es in Deutschland arme Menschen gibt. Die Obdachlosen habe ich zum ersten Mal in Deutschland gesehen.

Als ich nach Berlin kam, war der Duft anders als der aus dem Schlecker. Einige Frauen haben Büsche ihrer Achselhaare gerne gezeigt. Es war einer der heißesten Septembertage, die Straßen rochen nach Bäumen und Grass, es war Sonntag und es war Prenzlauer Berg.

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