Meine erste Liebe war ein Klavier

Ich entfloh den Hausaufgaben durch das Spielen auf dem Klavier welches ich nicht besaß.
Für Kinder kleinbürgerlicher Eltern, für Kinder der Reichen die nicht spielen wollten, gab es immer ein Klavier, welches einfach in der Ecke stand.
Ich schaute sehnsüchtig nach all den Klavieren der Welt, alten, neuen, Pianinos und alles was an schwarz-weisse Klaviertasten erinnerte. Eine Melodika. Ein Akkordeon. Aber die Liebe zum Klavier konnte nichts kompensieren. Die weichen Töne, der Spielstil, meine Finger auf weißen Tasten, meine Handfläche auf den schwarzen Tasten, zärtlich, dann wieder stark, das fühlte sich so gut an und ich war dabei ganz mit mir verbunden.

Noch damals wusste ich nicht dafür zu kämpfen, was mir gefällt. Wir kriegen eine Ausbildung mit vielen Informationen, aber wie wir die Seelengesundheit mehr oder weniger erhalten, das bringt uns niemand bei. In den meisten Fällen.

Oft besuchten wir andere Menschen und manche hatten in ihren Wohnungen ein Klavier. Nie hatte ich mich getraut sie zu fragen, ob ich spielen darf. Manchmal wollten sie in Ruhe miteinander reden, ohne Störung eines Kindes, so schlugen sie es selbst vor, dann war ich am glücklichsten.

Ein Klavier konnte sich meine Familie nicht finanziell leisten. Noch damals fiel ich in eine Leere ein, in etwas was mir nicht passte, in etwas was nicht Ich war. Ich akzeptierte das was ich nicht bin und spielte das was ich nicht war und nicht sein wollte – ein anderes Musikinstrument was wir uns finanziell leisten konnten. Eine Gitarre.

Dank der Musiklehrerin, die meine große Klavierliebe verstand, wurde es mir erlaubt, im Musikraum der Schule mit dem Klavier zu versuchen. Ich war so überglücklich, dass man mich vom Klavierstuhl nicht trennen konnte. Es kam zu den ersten Missverständnissen mit den „Vorgesetzten“. Der Schuldirektor dachte dass ich nur ein Mal in der Woche zum Üben komme, ich war aber jeden Tag da, mehrere Stunden. Damit haben sie nicht gerechnet und sagten, das ist zu viel.

Ich wollte aber Alles oder Nichts.

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