Die falschen Momente

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Gerade als Henriette angerufen hat, befand sich Heinrich auf der Toilette um zu pinkeln. Nach einem Streit verspürte sie das Bedürfnis ihm mitzuteilen, wie sehr sie ihn doch liebt. Als Heinrich aus der Toilette kommt, weiß er nicht wer angerufen hat. Er hat noch ein altes Telefon. Sie sagt ihm zwar am nächsten Tag dass sie ihn angerufen hat, aber die Magie ist vorbei und es macht eigentlich keinen Sinn es zu erwähnen, wie sehr sie ihn doch liebt, sie hat keine Lust es zu erwähnen.

Henriettes Tochter ist fünf Jahre alt und möchte ihrer Mutter ein schönes selbstgemaltes Bild zeigen, während Henriette kocht und sich auf das Bild, Tochter und Kochen nicht gleichzeitig konzentrieren kann. Sie guckt oberflächlich zu den farbigen Kratzern, salzt und pfeffert das Essen vielleicht zu viel. Die Tochter fühlt sich benachteiligt weil ihre Mutter ihr nicht die volle Aufmerksamkeit schenkt, obwhol sie „Ach, wie schön“ sagt. Das Mädchen dreht sich auf der Ferse in Richtung Wohnzimmer. Dort schaut sie durch das Fenster und sieht auf dem Balkon des Nachbarhauses einen Mann der raucht. Sie winkt ihm. Das Mädchen dachte dass er in ihrer Richtung genau zu ihr schaut, aber er schaute in einen anderen Punkt in dieser Richtung. Er winkt nicht zurück. Das Mädchen macht das noch trauriger und sie zieht sich in sich zurück.

Der Mann tritt vom Balkon zurück in seine Wohnung, eigentlich gut gelaunt. Er konnte die letzten Spuren von der Sonne aufnehmen und hebt das Telefon ab welches gerade klingelt. Auf der anderen Seite ist seine Frau die ihm etwas Unmögliches sagt was er in dem Moment nicht verstehen kann weil er so entspannt und irgendwie fröhlich ist, nachdem er die Zigarette ausgeraucht und die Sonne genossen hat. Er wird sekundenschnell wütend und schreit am Telefon so dass sein Hund aus der Wohnung in den Hof rennt, auf den kleinen Spielplatz.

Normalerweise finden die jungen Mütter auf dem Spielplatz Hunde süß, aber da er etwas verschmutzt und stinkend ist und zu nah an die Kinderwagen mit schlafenden Babys kommt, versuchen sie ihn wegzutrebein: „Oh nein, nicht jetzt!“ Der Hund versteht sie nicht und glaubt, sie mögen ihn eigentlich. Junge Mütter lassen es letztendlich und kommunizieren weiter über ihre Stillposen, Männer und Dreimonatskoliken.
Eine ist neidisch auf die andere, weil sie mindestens vier Stunden Schlaf am Stück hat und ihr Baby hat das noch nicht erreicht. Die Frau die neidisch ist, fühlt sich der Situation nicht gewachsen und auf eine andere harmlose Frage der „Ausgeschlafenen“, antwortet sie hochnäsig: „für Alleinerziehende ist das nicht überraschend“, worauf die Alleinerziehnde, die in diesem Fall ausgeschlafener war, nicht weiß wie sie reagieren soll, da sie beide eigentlich im gleichen Boot sitzen, deswegen entscheidet sie sich langsam nach Hause zu gehen und wünscht der Frau, die nicht alleinerziehend ist und deren Kind noch keine vier Stunden Schlaf am Stück erreicht hat, „Gute Nacht“, obwohl es erst 17 Uhr ist.
Sie hören die Kirchenglocken fünf Mal klingeln und verabschieden sich.

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