Das Huhn

Auch nach zwanzig Jahren Deutschland, bzw. Berlin, weiß ich manchmal nicht ob vor einem Wort „der“ oder „das“ kommt. Erstmal dachte ich, es wäre der Huhn. Dann kam meine Tochter und sagte: „Man sagt DAS Huhn.“ Oh je, nie wird mir klar sein, warum und wieso ein Huhn, was bei uns komplett weiblich ist, ein „das“ sein kann (vielleicht liegt es an dem „Weib“). Oder der Mond „männlich“ und auf Spanisch Luna – „weiblich“ ist? In slawischen Sprachen wäre die Sonne „das Sonne“… Klar, wenn ein Wort auf „e“ endet, dann ist es „die“. Aber es gibt Ausnahmen, zum Beispiel, der Gedanke.
Aber lass uns zurück zum Huhn kommen.

Es kam zu mir aus Dalmatien, obwohl ich das nicht wollte. Auf dem Dach eines „Stojadins“ – einem der populärsten Autos in damaligen Jugoslawien. Die Fahrt dauerte ungefähr fünf Stunden und das Huhn war in einem Karton. Es fuhr auf der „Jadranska magistrala“, einer Straße direkt am Meer, manchmal sehr windig durch den Borawind, über die Brücke „Maslenicki most“. Wenn der Wind zu stark ist, bleibt die Brücke geschlossen. Obwohl an dem Tag der Wind stark war, wurde die Brücke doch nicht geschlossen, aber für das Huhn musste es ziemlich gesundheitsschädigend gewesen sein.

Ich weiß nicht von wem dieses Huhn-Geschenk war, ob es überhaupt ein Geschenk war oder eher eine Strafe, Plage, aus wer weiß welchem Grund. Meine Oma, die ab diesem Tag bei uns wohnte, hat nie gesagt dass dies ein Geschenk sei, bzw. hat nie erklärt warum dieses Huhn plötzlich auch bei uns wohnen musste.

Meine Oma habe ich geliebt, wie das der Fall bei vielen Enkelkindern ist. Omas und Opas sind oft viel liebevoller und verständnisvoller als Eltern. Sie verstehen, was sie mit ihren Kindern, also unseren Eltern versäumt haben. Was ich besonders lustig fand, meine Oma war eine Art weiblicher Bukowski. Manchmal wurde schon am Morgen eine ganze Flasche Brandy ausgetrunken. Meine Eltern fanden das nicht so lustig, da gibt es eine große Ernsthaftigkeit bei den Erwachsenen.
Oma war an diesen Tagen zu nichts mehr fähig außer den ganzen Tag zu schimpfen. Damals verstand ich nicht warum meine Mutter ihre Mutter nicht einfach so annehmen kann wie sie ist, das ist doch total witzig wie sie schimpft. Da wurde die ganze menschliche Geschichte wie es in der Bibel dargestellt wurde beschrieben und ausgeschimpft, bis zur KPJ (Kommunistischen Partei Jugoslawiens).

Ich sollte getauft werden, dachte meine Oma und nahm mich mehrmals in die Kirche zur Messe mit. Ich mochte es in der Kirche, das war für mich gerade deswegen interessant, weil ich der Kirche nicht gehören musste.

Oft fragten mich Oma und Opa vor meinen Eltern ob ich doch nicht lieber getauft sein möchte. Dann musste ich selbständig antworten. Da die Atmosphäre der Kirche für mich eine zelebrierende, helle und schöne war, dachte ich: „Warum nicht?“ und spürte, wie ich damit in einen „Vertrag“ mit meinen Großeltern ging, mich gegen meine Eltern stellte und das tat irgendwie gut, es war etwas Neues, es versprach etwas Tolles. Aber daraus ist doch nichts geworden. Und das ist jetzt überhaupt nicht das Thema.

Das Huhn war ein interessantes Wesen. Nie wussten wir ob ihm der Luftzug im Karton auf dem Autodach etwas angetan hat, aber eines Tages fing sie an, Laute wie ein Hahn zu produzieren.
– Kein gutes Zeichen! – sagte meine Oma besorgt und wir brachten das Huhn in den Keller. Sonst war es auf der Terrasse und gab jeden Tag ein frisches Ei.

So fing meine Koffeinsucht an. Meine Oma machte nämlich jeden Tag aus dem Eigelb und Zucker eine Mischung. Zen Buddhisten würden sagen dass dies eine gute Morgenmeditation ist, nämlich das Ei und Zucker müssen so lange mit einem Löffel gemischt werden, bis eine schöne, fast weisse Masse entsteht, ohne größere Stückchen der Zuckerkristalle. Dafür ist volle Aufmerksamkeit und Konzentration nötig. Dabei wird man ganz präsent, im Hier und Jetzt.
Das Ende dieses Rituals war sehr wichtig! Wenn die Masse fertig ist, gibt man dann einen Schuss frisch gemachten Kaffee rein – es muss unbedingt sehr heiss und frisch sein! So entsteht auf der Oberfläche des Getränks eine Art sehr leckeren Schaum.

DAS kriegte ich jeden Tag zum Aufwachen und „zur Stärkung“. Ich war nämlich ein oft krankes Kind (im Unterschied zu jetzt), hatte ständig irgendetwas was mit Antibiotika behandelt werden musste (das würde heutzutage kein Arzt mehr tun!). Wir wurden ständig geimpft (obwohl ich alle, aber alle Kinderkrankheiten trotzdem durchgemacht habe, auch Masern).
Noch erinnere ich mich an die „Wick“ Salbe was sie immer in meinen Brustkorb eingeschmiert haben, wovon mir nur noch schlechter wurde durch den (oder das?) Camphergeruch.

Als das Huhn in den Keller gebracht wurde, gab sie aus Protest kein Ei mehr. Sie wollte unbedingt an die frische Luft und als wir sie wieder auf die Terrasse brachten, gab sie wieder jeden Morgen ein Ei. Schon toll wie Tiere kommunizieren können und ganz klar verdeutlichen, was geht und was nicht.

Das Huhn war sonst sehr frei. Es lief manchmal bis zur Straße wo auch Autos fuhren, aber hat nie die Straße überquerrt. Das machen nur Krähe. Da wir in der Nachbarschaft auch viele Katzen hatten, dachte meine Oma dass das Huhn angegriffen werden könnte und entschied sich für noch eine Freiheitsberaubungsmaßnahme. Sie schnallte ihr rund um das Bein einen Faden an und befestigte den an eine Wasserableitung die sich an der Hausecke befand. Das Huhn konnte jetzt nur auf der Terrasse laufen, in einem Durchmesser von ca vier Metern.

Eines Morgens fanden wir das Huhn auf der Terrasse nicht. Das frische Ei war aber da. Ich ging in die Schule ganz fröhlich und speedy, nachdem ich mein tägliches Stärkunggetränk intus hatte, meine Oma trank etwas anderes und suchte den ganzen Tag das Huhn.
Vielleicht war das ein Huhn welches sie noch mit ihrem Mann, meinem Opa der ziemlich früh gestorben ist, verbunden hat. Vielleicht hatten sie schon früher lustige Geschichten mit diesem Huhn erlebt. Jedenfalls durfte das Huhn nicht getötet werden und kam zu uns, wie schon beschrieben.

Als ich aus der Schule zurückkam, war das Huhn noch immer nicht da. Die Frage war, wie konnte es sich von ihrer Anschnallung befreien? Vielleicht wurde das doch nicht so stark befestigt oder vielleicht fand sie eine andere konstruktive Lösung?

Der frühe Abend war schon da. Wir saßen auf der Terrasse und überlegten, wo das Huhn sein konnte.
– Wahrscheinlich hat es eine Katze oder Hund schon getötet…
– Oder vielleicht ist es schon in einer Suppe der umliegenden Restaurants…
– Oder wird gerade von den Nachbarn zubereitet…
Bis auf den Tisch an dem wir saßen, etwas flutschte. Das war eine weisse Hühnerkacke. Wir hoben unsere Köpfe und sahen im Weinblättern das Huhn ganz ruhig sitzen, wie ein zufriedener Vogel in seinem Nest. Den ganzen Tag hat es geschwiegen, kein Geräusch von sich abgegeben und hat sich das ganze Drama von oben angeschaut. Aus der Vogelperspektive. Vielleicht war das der Moment in dem auch ein Huhn sich wie ein richtiger Vogel der fliegen kann, fühlen konnte. Es war vielleicht erleuchtet, auf eine Art und Weise, wie nur Vögel es erleben können. Wenn ein Mensch erleuchtet ist, hat er auch kein Bedürfnis davon zu erzählen.
Meine Oma verstand diese Vogelerleuchtung nicht, chnappte es wieder ein und jetzt, als Strafe, musste das Huhn wieder in den Keller. Das war am sichersten, für meine Oma.
Das Huhn gab ein Paar Tage kein Ei. Das interessierte meine Oma nicht mehr, bis nach ungefähr einer Woche das Huhn auch im Keller angefangen hat, Eier zu produzieren. Die schmeckten aber irgendwie anders als die, die in der Freiheit und unter viel Licht gelegt wurden.

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