Der Morgen im Park

Es ist für mich oft erstaunlich und schön wenn ich etwas spontan und intuitiv praktiziere und dann das gleiche oder ähnliche, bei (bekannten) Menschen als Bestätigung entdecke. Dann sag ich in mir: „Ach, das ist es“. Zum Beispiel die Gehmeditation nach buddhistischen oder Zen Lehren.

Ich wusste ja noch in der Oberschule dass es im alten Griechenland Peripatetiker gab. Sie liefen auf und ab und philosophierten. Meine damalige Spaziergänge hatten eher etwas mit der Migräne zu tun. Manchmal litt ich an Kopfschmerzen, die nur durch einen ausgedehnten Spaziergang am Meer, mehr oder weniger weg waren. So ist dieses „Heilmittel“ eine Gewohnheit und sogar Bedürfnis geworden, vielleicht sogar die Sucht.

Mein neues Highlight jetzt ist die Gehmeditation morgens im nahgelegenen Park. (Nicht wegen der Migräne obwohl ich jetzt schlimmere Probleme habe, die eher Kopfschmerzen verursachen können). Ich liebe es einfach, schon am Eingang des Parks die Geräusche der verkehrsreichen Straße hinter mir zu lassen und mich dem Vo­gel­ge­zwit­scher zu widmen. Es entspannt augenblicklich meine Schulter, Nacken, Arme. Ich atme spontan immer tiefer ein und erinnere mich dass ich ein Teil der Natur bin. Auch mitten in der Stadt, umgeben von der S-Bahn, Betonplatten und vielen verkehrsreichen Straßen (übrigens „verkehrsreich“ hört sich für mich schön und positiv an, aber es bedeutet eigentlich eine hohe Konzentration der Schadstoffe). Die Sprache zeigt uns oft wie wir uns selbst belügen können, aber auch wie wir zur Wahrheit kommen können.

Im Park nehme ich dann nicht die normalen Laufwege, sondern Wiesen und Hügel. Das gibt mir ein Gefühl dass es in dieser Welt und im Leben noch viel zu entdecken gibt. Den unebenen Boden spüre ich unter meinen Schuhen und das fühlt sich gut an, die Fußreflexzonen freuen sich. Es fällt mir die Fußmassage meiner Ex-Partnern ein, aber auch der Beziehungsstress. Ich möchte die Schuhe ausziehen und barfuß laufen.

Bäume umarme ich wenn keiner sieht oder lehne mich einfach auf sie an und bekomme so eine Art Unterstützung für den Tag, einen tatsächlichen „Halt des Rückens“. Es gibt so deutsche Redewendungen, z.B. „unter die Arme greifen“. Dann kann ich nur an Krieg denken, meine Beine sind verletzt und zwei Leute greifen mir unter die Arme und bringen mich in Schutz. Dramatsiches mag ich eigentlich gar nicht.

Meine Beine fühlen sich jetzt noch nicht richtig ausgelastet. Ich nehme dann die Treppe hoch und runter, die an einem Hügel eingebaut sind und das ist mein einziger Sport. Wenn ich nach unten gehe, schüttel´ ich meinen ganzen Körper. Das ist nicht so auffällig, bzw. keiner weiß oder merkt dass ich dadurch meine Traumata aus dem Nervensystem entlade. Und auch wenn sie es merken würden, in Berlin gibt es viel auffälligere Situationen die Aufmerksamkeit anziehen.

Danach merke ich dass meine Gedanken organisierter sind und ich bin bereit, gestärkt und geklärt, die verkehrsreiche Straße zu überqueren und in meiner Wohnung im Zimmer mit viel Sonnenlicht, diesen Beitrag zu schreiben. Ich ertrage dann die Autos bzw. Menschen die sie fahren leichter, Menschen die irgendwohin hetzen, ein Ziel erreichen wollen, ihr Leben in die Reihe zu kriegen versuchen, weil sich das so gehört. Getrieben durch Existenzängste, geschriebene und ungeschriebene Gesetze, Gesetzmäßigkeiten, aufgezwungen vom System das eher auf die Zerstörung der Menschlichkeit ausgerichtet ist, was „dem System“ vielleicht bewusst ist, aber vielleicht auch nicht. Vielleicht glaubt „das System“, das Richtige zu tun. Aber eigentlich wollte ich eher etwas über das Wort „überqueren“ sagen. Das Wort habe ich in der 5. Klasse gelernt und war stolz auf mich dass ich ein schweres Wort so gut aussprechen kann. Mir fiel erst in Deutschland auf, dass uns das Schreiben dieses Wortes falsch beigebracht wurde. Jahrelang schrieb ich „überquerren“. Jetzt muss ich natürlich denken, was „querren“ bedeuten würde, wenn es so ein Wort gäbe?

Meine innere Philosophie verwässert langsam und ich merke dass es jetzt wirklich die höchste Zeit ist, den Park zu verlassen. Er füllt sich mit immer mehr Menschen und Hunden auf. Ein Paar im Beziehungskonflikt; sie sitzt mürrisch auf der Bank, er steht mit einem weißen Hund an der Leine daneben. Seine Ziele im Leben sind einfach gestrickt, er möchte gut essen, schlafen und im Leben eingelullt sein. Und sie, sie will mehr Leidenschaft. Immer mehr sieht sie nur das Schlechte und Negative.

Dann kackt ein anderer Hund auf der Wiese. Auch in dieser Situation ist der Hund an der Leine und wir vermuten dass ein Hund nicht weiß was Privatsphäre und Würde ist. Sein Besitzer hat die blauen Kotsäckchen zum Glück dabei.
Was man alles nicht tut um Bedürfnis nach Liebe mit einer anderen Spezie auszuleben, weil es mit der gleichen Spezie oft nicht klappt. Keine Frage, ich bin auch so und liebe Tiere. Keine Widersprüche, bedingungslose Liebe und immer Freude. Bei manchen Menschen dienen Hunde auch zur Machtausübung. Wieso wusste die Natur und erschaffte den Hund mit der Eigenschaft des absoluten Gehorsams? Dann wusste sie auch bestimmt dass der Mensch zur absoluten Machtausübung neigt?

Und dann kommen langsam auch Jogger und Joggerinnen. Ich beneide ihnen. Es kommen immer mehrere in den Park, durch alle Eingänge und Ausgänge, wie verabredet. Freiberufler, Arbeitslose, Schichtarbeiter, Coronakrise-Betroffene und Frührentner. Sie atmen von Minute zur Minute immer lauter aus, produzieren komische Geräusche und tauschen sich somit mit anderen Joggern und Passanten aus. Sie atmen ihren Stress, Unausgesprochenes, Wütendes, Schmerzhaftes, Bakterielles und Virales aus.

Wir sind durch Wolken der gehaltvollen Aerosole stets verbunden.

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