„Ich suche meine Prinzessin!“

Der Karneval in unserer kleinen Stadt auf der kroatischen Küste, habe ich immer gehasst. Das war so eine Zeit, in der die Erwachsenen ihre Frustrationen frei ausleben durften, manchmal durch Kinder, die einfach involviert wurden. Vielleicht bin ich auch atypisch Kroatisch. Jedenfalls werde ich es nie vergessen, als mir Tante Esther, mit einem schwarzen Schminkstift den sie zuerst im Mund befeuchtet hat, auf der Wange einen großen Muttermal malte. Ich war (bei diesem Karneval) eine Zirkus-Wahrsagerin. Auf dem Foto aus dieser Zeit alle rund um mich lachen. Ich stehe da genervt, mit dem Zeigefinger auf der unteren Lippe. Für die Forscher der Körpersprache, wäre das vielleicht ein Zeichen dass die Person nachdenkt und eventuell Hilfe braucht.
Ich wusste tatsächlich nicht wozu das ganze. Alle hatten Spaß, nur ich nicht. Das einzige worauf ich mich gefreut hatte, waren die Sardellen, gebraten in einer gigantischen Pfanne. Pfanne für alle. Dazu bekam man eine dicke Scheibe Brot als Dankeschön für die Teilnahme an so einem traditionellen Event. Die Erwachsenen kriegten auch Wein dazu.

Jugoslawien war ein kommunistischer, sozialistischer Staat, aber bei uns gab es die kapitalistische Cola. Das schreibe ich jetzt weil ich über den Wein etwas geschrieben habe. Bei uns gibt es eine schlimme Kombination aus Cola und Rotwein und Fanta und Weißwein. Es heißt „Bambus“. Tito, der uns kapitalistische Produkte nicht verboten hat, war in meinem damaligen indoktrinierten Bewusstsein ein Held und ich betete heimlich, als er erkrankte und ihm ein Bein amputiert wurde, dass ihm durch ein Wunder ein neues Bein wächst. Ich war bereit an Gott anfangen zu glauben wenn das geschieht. Auch träumte ich oft davon, die Präsidentin von Jugoslawien zu werden, eine wie er. Das Diktatorische ausgenommen.

Photo by R. Fera on Pexels.com

Ich bin der Meinung dass jeder eine harte Überprüfung und Training machen soll, bevor man plant oder auch nicht plant Kinder zu kriegen. Ein Elternschein wäre für mich wichtiger als ein Diplom. Obwohl ich meinen Eltern schon alles verziehen habe, muss ich noch heutzutage an Selbstfindung Workshops teilnehmen, mit vielen Ereignissen aus der Kindheit kämpfen um meine Verhaltensweisen und Glaubensätze zu ändern so dass ich mehr oder weniger entspannt und friedlich leben kann.

Eines Jahres entschieden sich meine Eltern, mich zum Karneval als einen Prinzen zu bekleiden. Da hat man nicht gefragt: „Welchen Kostüm möchtest Du?“ oder „Was gefällt Dir?“ Da hat man sich oft dem Elternswillen untergeordnet.
Welches Mädchen im Alter von ca 8,9 Jahren möchte bitteschön ein Prinz sein? Eigentlich könnte ich tausend Fragezeichen hinter dieser Frage setzen. Unendlich viele Fragezeichen.
Meine rosa, phantasievolle Phase, eine Zeit in der ich vielleicht ein Einhorn sein könnte, eine Zeit in der (höchstwahrscheinlich) jedes Mädchen natürlich eine wunderschöne Prinzessin sein möchte, diese Entwicklungsphase existierte für meine Eltern offensichtlich nicht. Ich verstehe nicht, woher sie überhaupt diese Idee bekamen (wollten sie vielleicht doch einen Sohn?), ich finde das noch immer einfach pervers. Ok, vielleicht unachtsam. Nein! Es muss mit dem richtigen Begriff beschrieben werden. Das war schon ziemlich krank!

Das Kostüm sah auch irgendwie krank aus. Eine komische Mütze, diese kurze Prinzenhose und Strumpfhose (die ich ebenfalls in meiner Kindheit hasste, da mir davon die Beine juckten).
Das war aber nicht genug. Sie bastelten noch selbst ein großes Herz-Schild aus Pappe, die rund um meinen Hals aufgehängt wurde, mit dem Satz: „Ich suche meine Prinzessin“.

In dem schönen Karneval-Ballsaal der noch aus der austroungarischen Zeit stammte, mit einer Live-Band, tanzten alle fröhlich und hatten natürlich viel Spaß. Ich stand irgendwo auf dem Podium zwischen tanzenden Kindern und bewegte mich nicht. Ich wollte nur dass das alles so schnell wie möglich aufhört.

An die weiteren Details erinnere ich mich nicht, aber an das Finale. Am Ende wurden immer Preise für die besten Kostüme verteilt. Der Moderator sprach in ein Mikrofon und stellte den Kindern auch noch Fragen.

Eine „Prinzessin“ bekam einen Preis und stand auf der Bühne. Und dann erst eröffnete sich die weitere Hölle für mich. Der Moderator sagte:
– „Wir haben aber auch einen Prinzen gesehen, der seine Prinzessin sucht. Wo ist er denn? Der kommt bitte auch auf die Bühne, weil wir einen Preis auch für ihn haben!“
Ein großer Applaus wie ein heftiger Regen. Ich kann mich nicht erinnern ob ich entfliehen versuchte, es kann sein. Jedenfalls befand ich mich bald auf der Bühne und mir wurde (mit dem Mikrofon) eine Frage gestellt. Vielleicht hat sich der Moderator selbst gewundert warum ich als Mädchen ein Prinz und keine Prinzessin sein wollte. Da ich schwieg, wollte er auch ein wenig Stimmung in die Runde bringen und sagte:
– „Na jetzt ist der richtige Zeitpunkt, die gefundene Prinzessin endlich zu küssen!!“
Der Moment nach diesem Satz dauerte wahrscheinlich einige Stunden. Es war komplett still, aber vielleicht war ich einfach in einer Blase die mich vor Scham und Wut schützte.
Was genau weiter passierte, ist mir nicht bekannt.
Als Preis bekam ich eine Mini-Platte von Bonnie Tyler. „Total Eclipse of the Heart“.

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