Ich bin eine Königin!

Obwohl ich den Karneval in unserem kleinen Ort auf der kroatischen Küste generell gehasst habe, hatte meine letzte (im Leben die letzte) Karnevalparty eine große Bedeutung für mich und es war ein schönes Erlebnis. Diesmal durfte ich mir ein Kostüm selbst aussuchen und das war „die Schach-Königin“. Das Kostüm passte mir wie angenogessen. Da hatte Tante Esther, die Karnevalkostüme für die halbe Region genäht hat, wahrscheinlich eine besondere Inspiration. Ich glaube eine Königin lässt niemanden kalt, auch wenn es nur ums Schach geht. Sie suchte die feinsten Stoffe aus. Ehrlich gesagt, hätte man den Mantel auch so tragen können.

Warum schreibe ich aber Königin und nicht Dame? Dame hört sich meistens harmlos an, wobei es in meiner Vorstellung auch viele Konnotationen birgt. Eine Bardame, eine Empfangsdame, das hört sich für mich eher als eine brave Frau an, die aber manchmal ruhig ein wenig vulgär sein kann und dann ist das ganz witzig. , Jedenfalls zur heutigen Zeit überhaupt kein passender Begriff.

Wenn mir jemand Königin sagen würde, das wäre aber auch nicht passend. Erstens bin ich gegen Feudalismus und Aristokratie, wobei in vielen Ländern Monarchien eigentlich demokratischer als Demokratien funktionieren (oder nur so vorkommen, zumindest wenn ich an die skandinavischen Länder denke).

Und warum ist mir denn der Begriff Königin so wichtig? Es ist ein Gefühl, das jede Frau in sich haben soll. Jede Frau IST eine Königin auf ihre Art und Weise. Jede Frau ist schön, wie jeder Mensch, einzigartig. Und jeder Mann ist ein König. Aber besonders bei Mädchen und Frauen und allen die sich so fühlen, ist es ganz wichtig dieses „Gefühl der Königin“ zu entwickeln. Nicht als etwas überhebliches, narzistisches oder krankhaftes, nein, es bedeutet, sich selbst lieben zu lernen, sich anzunehmen genau so wie man ist, was vielen Mädchen in der ganzen Welt nie beigebracht wird. Über ihr eigenes Leben zu entscheiden und es zu führen, eben wie eine Königin, Herrin des eigenen Lebens.

Ich war schon 13 und konnte mit unserer TV-Antenne einige italienische Programme auffangen wo es gute Musik gab. So eine Sendung hieß Videomix. Sie lief ziemlich spät abends, dann habe ich sie oft heimlich geguckt. Es eröffnete sich für mich eine neue Welt. Vor einigem konnte man hier englische Pop Musik der 80-ern kennenlernen. Daraus dann wieder alternative Musik, die eine starke Anziehungskraft auf mich ausübte, die Manchester-Szene. Das entwickelte bei mir die ersten Gedanken nach England zu ziehen, in ein Land, in dem es sich schön leben ließ, dachte ich.

Viele aus damaligen Jugoslawien arbeiteten schon als Au-Pair in England. Es gab Agenturen die darauf spezialisiert waren. Auch ich wollte nach der Abitur, ein Jahr in der Nähe von London als Babysitterin arbeiten. Ich stellte mir meine Zukunft so vor: 1 Jahr Babysitten, an den freien Tagen durch London spazieren und Leute kennenlernen, langsam sich für weitere Jobs erkundigen und so meine Lebenserfahrung in London ein Paar Jahre zu sammeln. Vielleicht auch Design studieren! Oder in einer Band zu singen! Mir mangelte es an dem Aspirationsniveau nicht.

Leider wurde daraus nichts obwohl ich schon mit der englischen Familie einen guten telephonischen Kontakt aufgebaut habe und mich auf den gemeinsamen Sommeurlaub in Portugal freute. 1990/1991 fingen die ersten Unruhen in YU an und UK beschloss keine Aupairs aus einem, eventuell Kriegsland, aufzunehmen. Es schien als ob England schon wusste dass es in YU nicht gut laufen wird, im Unterschied zu uns, die daran nichtmal im Traum glauben konnten!
Auch Goga und Alida, die in England Erdbeeren pflücken wollten, mussten von der Grenze zurück. Goga habe ich meinen großen Rucksack dafür ausgeliehen und dann dachte ich, zumindest hat mein Rucksack die Grenze der UK gesehen.

Königin und UK, das passt auch schon wieder, wobei ich eigentlich über etwas ganz anderes schreiben wollte. Wie der Gedankenfluss fließt!
Es war also eine Schulparty und ich lief diesmal ganz froh zur Schule. Als Schach-Königin fühlte ich mich endlich so wie ich wirklich bin. Kraftvoll, charismatisch, selbstbewusst, entscheidungsfähig, handlungsfähig, äußerlich, aber vor einigem innerlich, hübsch.
Die Königin ist die stärkste Schachfigur. Für mich spricht ihre Rolle im Schach auch sehr viel über die Rolle der Frau in der Gesellschaft oder in einer Beziehung. Auch Männer erkennen eine Frau als Königin, wenn sie diese Energie ausstrahlt, wenn sie weiß was sie ist. Sie kann sich in beliebig viele Richtungen bewegen und so weit sie möchte. Königin und König erkennen sich daran dass sie ein Team sind und keine Machtkämpfer. Sie brauchen keine Spielchen und Dramen, sie ergänzen und unterstützen sich gegenseitig. Man darf eine Königin im Schach nicht verlieren und so ist es im Leben auch. Oft bereuen Männer wenn sie so eine starke Frau gehen lassen oder sie auf verschiedene Arten und Weisen nicht als (ihre) Königin anerkannt haben. Nur eine Schachkönigin ist „gefährlich“ und interessant für den richtigen König. Sie soll aber auf den richtigen Moment warten und wie in einer echten Beziehung, sich nicht als etwas Selbstverständiliches geben. Im Spiel greift dann der Gegner sie bequem an und nimmt ihr die Kraft. Genauso kann es auch im Leben passieren, wenn der Mann noch an dem Jäger Instinkt hängt.

Ich genoß an diesem Tag die eigene Kraft und Selbstbewusstsein, wahrscheinlich zum ersten Mal. Rade kam und fragte ob ich mit ihm tanzen will. Ich wusste dass er in mich verliebt war, aber ich hatte keine Gefühle für ihn. Es war an diesem Tag für mich leicht, ein liebevolles aber ehrliches „Nein“ zu sagen, was immerhin ein „Ja“ für mich selbst war. Ich wusste ganz genau wen und was ich wollte. Den Damir!

Wie es sich anfühlt, verliebt zu sein, habe ich mit ca 7 erlebt. Ich war in unseren Nachbarn verliebt, aber er hatte eher Interesse für meine Freundin Alexandra. Dann habe ich bei einem Skiurlaub Damir kennengelernt und lernte dass auch das Verliebtheitsgefühl verschiedene Facetten und Grade haben kann. Er war verspielt, lustig, warm und erwärmte sofort mein Herz. Zwischen uns sprudelte es! Immer wenn ich ihn sah wurde ich aufgeregt auf eine schöne, besondere Weise und bei ihm war das auch so. Was noch schöner war, er ging nie einen Schritt weiter zu schnell, er war vorsichtig und nachsichtig, nicht so direkt wie Rade. Rade nervte regelrecht und fragte mindestens zwei Mal im Monat: „Möchtest Du mit mir gehen?“ und ließ keinen Raum für die Phantasie und die süße Erwartung, was mir wichtig war.

Damir hatte bei diesem Karneval eine Zoro-Maske und sah verdammt gut aus. Gleich merkte ich ihn in der Masse. Nach einiger Zeit berührte jemand ganz zart meine Schulter, ich drehte mich um und seine schöne lächelnde Augen guckten mich durch die Maske. Ich war ganz sicher dass ich mit ihm tanzen möchte. Beim Tanzen hat er auch nicht versucht, mich zu begrapschen wie viele andere Jungs das bei uns Mädchen oft taten, in allen Gelegenheiten.
Wir tanzten und tanzten, fröhlich, frei, lachend. Es machte einfach wahnsinnig Spaß. Er war mein Zoro-König!

Nur diesmal war ich die, die ihren König verloren hat. Zumindest aus den Augen. Er war die 8., ich 7. Klasse. In den Hofpausen haben wir uns immer lieb geguckt, manchmal auch geredet. Nach der 8. Klasse, wechselt man bei uns in die Oberschule, in einer der Städte in der Umgebung.

Seit dem habe ich ihn nie wieder gesehen. Offensichtlich habe ich mir zu viel Zeit für die Phantasie gelassen. Oder er doch zu schüchtern war, um mir eine direkte Frage wie Rade zu stellen. Vielleicht wollten wir beide das ganze nicht. Telefonnummer tauschten wir auch nicht aus.
Jedenfalls blieb in mir das Gefühl der Königin, mit großer Dankbarkeit.

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