Intuition

Aus der Reihe: Notizen über den Tod

Nach Goa kam ich mit einer Gruppe jungen Israelis, nach 48 Stunden Zugfahrt aus Delhi. Wir relaxten am Strand in einem Restaurant, langsam die verschmutze Luft der großen indischen Städte vergessend und lachten über die Würmer in den Zug-Sandwiches. Vielleicht war es auch nur eine Halluzination von dem Hashkuchen. Ein Stück teilten wir auch mit einem alten indischen Arzt, der bis Goa nicht aufgehört hat zu lachen.

Eine unschlagbare Unterkunft direkt am Meer fanden wir ziemlich schnell und unkompliziert, jedoch spielte Antonio, der Sohn der Vermieter ständig Gitarre. Später kaufte ich sie von ihm ab.

Goa besteht meistens aus Stränden und Stränden. Das war für mich nicht so interessant, weil ich mich in der Rolle einer Touristin nicht optimal gefühlt habe und hier war fast alles nur touristisch und christlich. Aber hier habe ich gelernt, wie man schreit wenn die eigenen Grenzen nicht respektieret werden.

Nach Dschungelunterkünften mit Schlangen und Mäusen, Ashram Gärten in denen plötzlich auch schon wieder eine nicht so ungefährliche Schlange auftauchte, nach seltsamen Bewacherlnnen der Tempel, luziden Träumen und wissenschaftlich nicht erklärbaren Ereignissen, hatte alles weitere nicht mehr so eine große Bedeutung. Deswegen entschied ich mich, in Goa einfach Spaß zu haben. Goa ist Indien, aber hier gibt es hinduistische Merkmale nur in Relikten. Hier kamen alle, auch Inder, meistens aus Maharashtra, um das Elend des Alltags zu vergessen. Bei der Rückreise am Sonntag Morgen, sahen ihre Gesichter in den überfüllten Zügen und Autos deprimiert aus.

Zuerst verliebte ich mich in Rajesh, der im Restaurant am Strand arbeitete. Die Zuneigung eines Kellners erschien mir besonders, aber dann stellte ich fest dass er einfach nur seinen Job machte und zu allen so war. Dann verliebte ich mich in George aus London. Sobald ich ihn gesehen habe, wusste ich, dass er bald sterben wird. Ein klares aber unangenehmes Gefühl, welches ich eigentlich gleich unterdrückt habe.

Jede Nacht verbrachten wir am Strand; redeten, tantzen, besuchten Kommunen in Arjuna, kommunizierten telepathisch mit Schlangen auf den vielen Laufwegen in der Natur, entdeckten heilige Pflanzen, vielleicht waren das auch nur Ananase. Ein freier Hund, den wir Krishna nannten, begleitete uns überall.

George war ein Mann den man liebt, aber kein Sex mit ihm wünscht oder braucht, weil diese Nähe attraktiver als Sex ist. Oder man hat das Gefühl, damit etwas zu zerstören, ich wusste aber nicht was genau es war.

Am nächsten Morgen rief mich eine Freundin aus Gokarna an ob ich ein Paar Tage zu ihr kommen kann, bis sie sich von der Abtreibung erholt. Ich fuhr gleich nach Gokarna mit dem kleinsten Bus der Welt, aber mit Überzahl an Reisenden. Alle saßen auf allen, über allen, unter allen und auf dem Busdach.

Ein dünner alter Mann, wahrscheinlich 20 cm kleiner als ich, der neben mir saß, versuchte ständig mich anzufassen. Da es, in diesem Fall zum Glück, eine Bewegungseinschränkung gab, schaffte er nur mit einem Finger seiner linken Hand, meinen rechten Oberschenkel leicht zu berühren. Dieses kleine Streicheln war extrem unangenehm. Die Bewegungseinschränkung war anderseits sehr doof, weil ich nichts machen konnte (z.B. eine Ohrfeige oder so) ausser ihm zu sagen dass er bitte! aufhören solle. Hat nicht geholfen. Dann habe ich ohne „Bitte“ versucht. Auch nichts. Dann habe ich ihn angeschrien: „It´s not allowed to touch women or anybody just like that!!!“

Alle lächelten nur. Eine kleine Erleichterung verschaffte mir das Einschlafen der Beine, dann habe ich nichts mehr gespürt. Als ich in Gokarna irgendwie auf Ellenbogen aus dem Bus rauskam, wartete ich auf dem Boden bis meine Beine wieder „erwachen“. Dieses Gefühl, als ob die Ameisen unter der Haut kribbeln, eine Kombination aus Schmerz, Spaß und Genuß. Wie eine Bettlerin am Boden versuchte ich noch ein Paar Mal auf den alten Man aufmerksam zu machen, jedoch ohne Erfolg auf irgendeine Gerechtigkeit oder zumindest Entschuldigung.

Ich verbrachte zwei Tage mit Amelie, die nicht aufhören konnte zu weinen, hatte Albträume von abgetriebenen Kindern. Auch wenn Amelie schon eine erwachsene Frau war, übte ihre Mutter einen großen Einfluss auf sie. Die Mutter nahm den ersten Flugzeug aus Frankreich nach Goa, ging mit ihr direkt ins Krankenhaus und forcierte sie abzutreiben. Sie wollte nicht dass Amelie den Vater des Kindes heiratete, auch wenn er angeblich der „höchsten Kaste“ gehörte und situiert war.

Nach ein Paar Tagen reisten die beiden zu einem „silent retreat“ ab. Es sah so aus, als ob Amelie in einer Zwangsehe mit ihrer Mutter lebte.

Ich fuhr zurück nach Goa, mit einem anderen Bus, glücklich weil ich wieder George sehen werde. Auch habe ich mich entschieden, mit ihm doch etwas mehr zu versuchen, mich einfach sexuell zu befreien. Schließlich war mir der Spaß und Erfahrungen wichtig, vielleicht auch Material für mein zukunftiges Buch. Oder zumindest Geschichten, die ich meinen Enkeln erzählen wollte. Natürlich altersgerecht.

Das Strandrestaurant war unerwarteterweise leer und mir wurde es bange. Erstmal dachte ich dass ich vielleicht Hunger habe. Nachdem ich bestellt habe, fragte ich den Kellner ob er George sah. (Alle kannten ihn).

– Du weißt es nicht? – fragte er überrascht.

Im ersten Moment dachte ich, so gutgläubig ich bin, an etwas Schönes, zum Beispiel, George bereitet etwas Schönes für mich vor, ein Abendessen mit Kerzen oder doch etwas Sensationelles Unkonventionelles. Aber die Stimmung wechselte plötzlich in etwas ganz Kaltes. Ich hörte nur den Ozean und statt mir, erschütterte die untergehende Sonne.

– Er hat sich aufgehängt…vor zwei Tagen. Sie haben ihn auf einer Kokospalme gefunden, zwischen Baga und Calangute.

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