Du hattest so viel Liebe…

Auch nach 20 Jahren, konnte ich an Berlin nicht alles lieben, wie das bei Rijeka war. In Rijeka mochte ich die schrecklichsten Ecken, Hauptsache Rijeka. Es gab aber auch Momente in denen ich Berlin vermisste, vor einigem um mich von Kroatien zu erholen, von den Themen die mich nicht mehr interessierten, die einfach nicht mehr wichtig waren.
Jedenfalls fiel es mir auch ein, dass wir in jeder Stadt nach etwas suchen, was uns zurück zu uns selbst bringt, egal wo.

Die Morgensonne an diesem Tag war wie vor 20 Jahren im Prenzlauer Berg und es war sehr hell. Ich wusste dass diese Stimmung, etwas mit dir zu tun hat und dass es zu einer Änderung in meinem Leben kommt.
Oft kamst du oder meldetest dich, wie ein Vorbote, genau in diesen Lebensmomenten.

Deine Bücher konnte ich lange nicht lesen, weil ich dich kannte. Ich wusste wie du schreibst, deine Schreibtechnik, und konnte mich in die Handlung nicht wirklich einleben. Da war keine Distanz der Leserin. Sonst fällt es mir auch schwer, Bücher von Leuten zu lesen, die ich auch persönlich kenne. Dann konzentriere ich mich nur darauf, was im Buch mit der Realität haben könnte. Völlig unnötig. Auch ich schreibe so dass ich bestimmte Situationen und Personen in eine besondere Mischung konstruiere und jeder könnte sich hier und da finden. Alles was ich schreibe ist natürlich eine Art Wahrheit, literarische Wahrheit, es kann aber sein, dass es mit der wahren Wahrheit gar nichts zu tun hat. Es wurde aus der Realität „entnommen“, wie eine Stückchen die dann in etwas neues verwoben wird. Es ist einfach „das Material“. Bei einem Bildhauer fragt man nicht unbedingt woher sein Material kommt, bzw. ob die Skulptur autobiographisch sei, aber bei den Schriftstellern wird oft alles unter die Lupe genommen.

An dem Abend des Tages, an dem die Sonne am Morgen so stark und bedeutungsvoll war, dachte ich dass ich dein Buch im Regal sehe, aber dein Buch beobachtete mich. Ich nahm es, skeptisch, dachte aber auch, das muss jetzt, aus irgendeinem Grund so sein. Vielleicht eine Botschaft von dir aus dem Jenseits. Ich wollte erstmal das Buch auf einer beliebigen Seite öffnen, mit geschlossenen Augen auf einen Satz tippen und ja, das wäre dann die Botschaft. Blödsinn, dachte ich dann und setzte mich einfach hin und entschied mich, das Buch von dem ersten Wort, ganz langsam anfangen zu lesen. Gründlich. Auch die Worte, die mit der Geschichte nichts zu tun haben; den Verlag, das Jahr, die Buchnummer. Ich muss dein Buch ausführlich, korrekt lesen. Nicht die Seiten überspringen, wie ich das manchmal gemacht habe, um ein gemeinsames lustiges Abenteuer zu finden oder etwas über mich. Ich fürchtete mich ehrlich gesagt, dass du in den Büchern etwas über mich schreiben könntest, natürlich unter anderen Namen. Ich wollte „kontrollieren“ dass etwas über mich geschriebenes, etwas Gutes ist, was völliger Quatsch ist, so was überhaupt zu verlangen. Erstens, weil es da wirklich nichts schlechtes gab, zweitens ich und das Geschriebene, auch wenn es „etwas schlechtes“ wäre sind nicht dasselbe, ich bin nicht das Geschriebene, das Geschriebene ist nicht ich und es ist die Phantasie und Kunstfertigkeit des Schriftstellers.

Jahre davor war ich froh, dass du so erfolgreich warst, verstand aber nicht, was genau viele Leser und vor einigem Leserinnen, an deinen Büchern so toll finden. Ich wusste dass du die rohe Wahrheit so in die literarische Lüge einpacken konntest, dass sich jeder damit mehr oder weniger identifizieren konnte. Es fühlte sich wahrhaft, ehrlich an. Du warst populär.

Und dann habe ich angefangen, das erste Buch von dir zu lesen, „Die Sandalen“. Es besteht aus mehreren Geschichten, die ich schon früher aus deinen Emails kannte. Manche kannte ich nicht oder damals nicht lesen konnte (aus schon erwähnten Grund). Trotzdem, es begann eine neue Entdeckung deines Seins, ich habe nicht nur auf deine Schreibtechnik oder Witz geachtet.
Alles was du früher erzählt hast, bekam in dem Buch eine andere Bedeutung, sogar eine Ernsthaftigkeit. Alles was früher durch Scherz vermittelt wurde, war jetzt eine neue Wahrheit, die langsam zum Vorschein kam und ich verstand Vieles über dich. Den Schmerz. Dieses Etwas in dir, was so viele mochten und du selbst es ständig abgelehnt hast.

Und dann habe ich dir noch vorgeworfen dass du gestorben warst. Ich habe mich über deinen Tod geärgert kurz vor unserem Treffen nach vielen Jahren, die Vorfreude über ein Projekt ist geplatzt. Du konntest nichts dafür und ich wusste es, trotzdem musste diese egoistische wütende Note raus.

Gestern saßt du neben mir an meinem geheimen Ort in Berlin wo ich abends oft gehe um mich dort von dem Tag zu erholen. Der Ort ist nicht wirklich geheim, aber nicht viele kennen den kleinen Garten mitten in der Stadt. Da lasse ich meinen Tag ausklingen, jetzt mit deinem Buch. Mir wurde klar, ich muss dich doch richtig kennenlernen, bevor wir etwas auf die Beine stellen. Auch nach deinem Tod.
Ich merkte, dass deine Unterstützung, jetzt sogar nur durch das Buch, weiter bei mir ist und immer da war.

Ich merkte, Du hattest so viel Liebe für alle, ausser für dich selbst.

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