Er hätte…

Aus der Reihe: Notizen über den Tod

Wir lernten uns in einem Punk Konzert Ende 80-er kennen, aber, wenn ich darüber nachdenke, das war kein gewöhnliches Kennenlernen, das war eher ein komischer Tanz und Lachen, ohne irgendetwas gesagt zu haben. So wußte ich überhaupt nicht wie er heisst, nur ein besonderer Muttermal an seiner Wange prägte sich in mein Gedächtnis ein. Gerade deswegen habe ich ihn ein Paar Jahre später wieder erkannt und wir wurden Freunde.

Wir studierten zusammen Literatur und hatten eine Freundschaft-Spezialität – Pläne zu schmieden, Pläne, die sich nie verwirklichen würden. Vielleicht deswegen, weil wir nicht wußten wie wir sie verwirklichen können, oder vielleicht auch nicht wollten, weil nach einer Verwirklichgung, die Magie der Idee verloren geht.

Wir beschäftigten uns auch mit vielen anderen Sachen, z.B. wollten wir Huxleys „Schöne neue Welt“ in einem Theater aufführen. Im welchen Theater und wie, das war gar nicht wichtig, wir passten die Dialoge schon an, hatten alles detailliert im Kopf und auf dem Papier. Da gab es Nonnen auf dem Skateboard und viele V-Effekte. Er kam oft zu mir nach Hause, weil ich eine Schreibmaschine besaß und auch nach dem 10-Finger-Schreibsystem schreiben konnte, was ich in meiner Oberschule gelernt habe. Er redete, ich schrieb.

Dafür konnte er aber gut kochen, ich nannte ihn „der kulinarische Alchemist“. So belohnte er uns beide nach den anstrengenden Schreibarbeiten mit einer üppigen Malhzeit. Ich schnitt Zwiebel mit einer Tauchmaske und er setzte alle möglichen Zutaten so zusammen, dass es wirklich essbar wurde. Und dass ich diesen Geschmack noch in Erinnerung habe, sagt einiges.

So war er auch in allen anderen Lebensbereichen, er konnte aus allem das Beste machen. Jedes Mädchen mit dem er zusammen war (und das waren oft 2 oder 3 gleichzeitig) fühlte sich wie seine einzige. Er liebte auch wirklich jede einzelne und dachte dabei nicht daran, dass dadurch sich eine oder die andere verletzt fühlen könnte.

Einmal sagte er, dass er Lust hätte an einem neuen, unbekannten Ort zu erscheinen und ein ganz anderes Leben anzufangen. Wünsche erfüllen sich tatsächlich, manchmal zwanghaft. Ich weiß nicht mehr wann genau er nach Norwegen als Flüchtling musste. Ich weiß nur dass die Kriegsjahre in Ex-Jugoslawien unsere Generation schwer betroffen haben und dass wir uns seitdem womöglich nie wirklich erholt haben. Eine lange Zeit hörte ich nichts über ihn. Es schien dass er ein anderes, besseres Leben gefunden hatte oder auch ich war die, die ein anderes Leben gefunden hat.

Und dann traf ich ihn wieder in der Universitätsbibliothek, in der Stadt wo wir zusammen studierten. Mittlerweile wurde er ein erfolgreicher Schriftsteller und suchte etwas für seine Magisterarbeit. Ich wurde erfolgreiche Korrekturleserin und war in einer Beziehung mit einem einfersüchtigen Mann.
Als ob keine acht Jahre vergangen sind, sondern eventuell 8 Stunden, fragte er mich ohne nicht mal Hallo zu sagen: „Hey, trägst du noch immer diese Tauchmaske beim Zwiebelschneiden?“

Ich erkannte in dem Moment wieviel ich ihn vermisst habe. Auch spürte ich, dass da viel mehr als Vermissen war. Wir blieben diesmal regelmäßiger in Kontakt und wollten uns letztes Jahr, also fast 25 Jahre danach, zusammen mit unseren Kindern treffen. Unser ganzer Lebensweg war ziemlich ähnlich und oft glaubte ich und spürte, dass er so was wie ein kosmischer Bruder war, wenn es sowas gibt.

Unser Plan letztes Jahr war, ein großes Zentrum aufzubauen, für Literatur, Seminare, Körperarbeit, alles mögliche. An einem Fluß kaufte er ein großes Grundstück. Es hätte ein Ort ein Ort für Menschen aus der ganzen Welt werden.

Dann starb er, mit 48 Jahren, ungefähr Ende Mai. Meine letzte SMS war: „Bist Du da jetzt wegen Corona stecken geblieben?“
Diesmal ist nicht nur die Magie der Idee verloren gegangen, sondern auch die Magie des Lebens. Ich habe sonst noch nie geweint als jemand gestorben war, das war das erste Mal.

Er hätte, könnte, würde…

Und irgendwann verwandelten sich die grübelnden Gedanken darüber wie es sein sollte in etwas Stilles, Zelebrierendes. Ich spüre ihn oft wenn ich in der Natur bin.

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